Sonntag, 3. Dezember 2006

Tools from Tenga

Tenga mit 24 justierbaren Luftkammern!Japanisches HiTech-Design hat einen neuen Höhepunkt erklommen: Die Tenga-Cups. Endlich ist Schluß mit den unhygienischen und primitiv konstruierten Gegebenheiten der Biologie! Und schicker ist es außerdem.

Freitag, 1. Dezember 2006

Subpixel-Antialiasing (Cleartype) selbst gemacht

Bekanntlich sehen die Schriften modernerer Betriebssysteme auf LCD-Bildschirmen deshalb so schick aus, weil an den Rändern der Lettern nicht nur Graustufen einfügt werden, sondern farbige Pixel, die darauf optimiert sind, die nebeneinander angeordneten Einzelpixel von Farbbildschirmen zur Auflösungsvergrößerung zu nutzen.

Man wünscht sich, Grafiken, Icons und Schriften im Bildverarbeitungsprogramm ähnlich hübsch und scharf skalieren zu können, aber leider bietet z.B. Photoshop von sich aus nichts dergleichen an. Natürlich kann man den Effekt auch selbst erzielen. Damit meine Experimente auch anderen nützen, erklär' ich, wie.

Vergleich normales Antialiasing (links) und Subpixel-Antialiasing (rechts)

Links sieht man normales Antialiasing, rechts Subpixel-Antialiasing. In der Vergrößerung läßt sich erkennen, wie Subpixel-Antialiasing die Anordnung der einzelnen Farbpixel, aus denen die Bildschirmfarben gemischt werden, ausnutzt.

Die einfachste Idee ist natürlich, für jedes der drei Sub-Pixel den normalen Grauwert zu bestimmen und zu setzen. Leider wird dabei auch die Farbigkeit der Konturen verändert, und unsere Grafik erhält einen deutlichen Farbsaum.

Deshalb muß der Grauwert der Sub-Pixel so auf die beiden farbigen Nachbarpixel verteilt werden, daß der Farbwert in der Summe neutral bleibt. Das geschieht z.B. durch einen horizontalen Weichzeichenfilter über drei Pixel (in Photoshop: Filter > Other > Custom > 111, Scale 3). Leider geht dadurch Information über die horizontale Position des Pixels verloren. Die Lösung? Wir wenden den Filter einfach ein zweites Mal an. Dadurch verteilt sich die ursprüngliche Pixel-Intensität nun nicht auf drei, sondern auf fünf Pixel, aber am stärksten auf das Mittelpixel. Die beiden schwächeren Randpixel auf jeder Seite wahren die Farbneutralität.

Um eine Pixelgrafik manuell zu subpixel-antialiasen, bedarf es also (in Photoshop) folgender Schritte:

1. Canvasgröße auf ein Vielfaches von Drei setzen, und darauf achten, daß rechts ein paar "Verschnittpixel" bleiben.

2. Zweimal den horizontalen Filter "Other > Custom" mit einer Einstellung von 1, 1, 1 und einer Skalierung von 3 ausführen.

3. Grafik zweimal kopieren, so daß insgesamt drei Layer entstehen. Den mittleren Layer nun ein Pixel nach rechts verschieben, den oberen zwei Pixel nach rechts.

4. Den obersten Layer auf seine Rot-Komponente reduzieren (z.B. im Curves-Dialog den Blau- und Grünanteil auf Null setzen).

5. Den mittleren Layer auf Grün reduzieren.

6. Den untersten Layer auf Blau reduzieren.

7. Nun den Blending-Mode der beiden oberen Layer auf "Lighten" setzen. Dadurch werden die Farbanteile aller drei Layer addiert.

8. Layer zusammenführen (merge) und den Filter "Pixelate > Mosaic" mit einer Einstellung von 3 ausführen.

9. Das Bild ist nun fertig. Mit Einstellung "nearest neighbor" auf ein Drittel der Größe skalieren (durch Pixel-Eingabe, 33,333% ist in Photoshop manchmal nicht genau genug), farbige Ränder abschneiden, abspeichern.

Caveat: Die dargestellten Einstellungen funktioneren nur auf Displays mit RGB-Anordnung gut. Einige Panels haben BGR-Anordnungen, sind hochkant oder sonstwie exotisch - hier schaut das Resultat enschieden schlechter aus als normales Antialiasing. Röhrendisplays nehmen eine Mittelstellung ein (sie haben meist keine Subpixel), da unsere Methode ja zum Glück farbneutral ist.

Optimierungen: Das Ergebnis sieht knackiger aus, wenn man ein paar Farbsäume in Kauf nimmt. Dazu kann man z.B. den Custom-Filter mit einem einzigen Durchlauf und einer Einstellung wie 3, 7, 3 (Skalierung 13) benutzen. Die wahrgenommene Farbigkeit hängt auch von den Liniendicken in der Grafik ab, weil die beeinflußt, welche Subpixel regelmäßig an- und ausgeschaltet werden. Experimentieren hilft...

Donnerstag, 14. September 2006

Thomas Rothschild über Grass und den Nahostkonflikt

Die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers sei auf einen Beitrag von Thomas Rothschild im Freitag gerichtet, in dem er einerseits über Doppelmoral bei der Verurteilung/Absolutionserteilung für Günter Grass klagt (und ihn mit Kurt Waldheim vergleicht - nur, der ist eben nicht aufgrund seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Faschismus zum Antifaschisten geworden; und wir erinnern uns: der Waldheimskandal bestand nicht darin, dass er in seiner Autobiographie verschüttete Wahrheiten aufgedeckt, sondern dass er darin gelogen hatte). Andererseits schreibt er zum Nahostkonflikt (und das finde ich sehr spannend):

Man kann erwarten, dass ein Demokrat Schandtaten seines Staates, seines Volkes verurteilt, dass er Widerstand dagegen leistet. Oder man kann die Überzeugung teilen, dass es gilt - right or wrong, it´s my country - seine patriotische Pflicht zu erfüllen. (...)

Und es gefiele mir, wenn die Juden auf Grund ihrer leidvollen historischen Erfahrung klüger und menschlicher wären als die übrigen Menschen, wenn sie frei wären von jeglicher Anfälligkeit für Nationalismus und Chauvinismus und unnachsichtig gegenüber Verbrechen des Kollektivs, dem sie, nolens volens, selbst angehören.

Aber die Welt ist nicht eingerichtet, um mir zu gefallen.


Ist Rothschild also ein jüdischer Antisemit, um diese unsägliche Argumentationsfigur zu bemühen? Er sagt:

Man kann sagen, antizionistische Juden seien jüdische Antisemiten, Kronzeugen der Israelfeinde, motiviert von "jüdischem Selbsthass", sie seien Verräter, wie es jene Deutschen und Österreicher waren, die Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten, aus der Wehrmacht desertierten oder gar in den Armeen der Alliierten gegen ihre Landsleute kämpften. Oder man kann sagen, dass Noam Chomsky, Uri Avnery und einige andere die Ehre und Integrität der Juden gerettet haben wie die deutschen und österreichischen Kämpfer gegen die Nazis die Ehre ihrer Völker. Allzu viele hat es hier wie dort nicht gegeben. Ob das als Argument für den "Patriotismus" und gegen die Menschlichkeit zu gelten habe, muss jeder grundsätzlich für sich entscheiden. Kants kategorischer Imperativ verliert jedenfalls, so oder so, nicht seine normative Kraft. (...)
Ich habe ein Problem, wenn ein gewisser Robert Schindel, der sich einst mit dem mittlerweile rechts außen angekommenen Günter Maschke um die Führerschaft des österreichischen Maoismus balgte, die frühere Solidarisierung mit den unterdrückten Völkern der Dritten Welt inklusive des palästinensischen zu den größten Dummheiten der Linken zählt. Ich habe ein Problem, wenn dieser Schindel keine Worte der Verteidigung für jene libanesischen Kinder findet, die ganz unmetaphorisch von "seinen Leuten" umgebracht werden, wenn er eine flächendeckende Bombardierung im Libanon damit rechtfertigt, dass das Volk dort Führer dulde, die ihre militärische Infrastruktur inmitten der Zivilbevölkerung verstecken. Für Robert Schindel wollen die Führer der Palästinenser die anderen - Israel - vernichten, "die anderen wollen bloß in sicheren Grenzen leben". Die Zahlen der Opfer auf beiden Seiten sprechen für eine andere Asymmetrie. Aber Robert Schindel plädiert gar nicht für Symmetrie. Er hat sich entschieden: für "meine Leute". (...)
Robert Schindel, (...) der, ob es sich um Grass handelt oder um Israel, stets genau weiß, was als gut und was als böse zu gelten hat, ist wieder einmal "angewidert vom Aufstand der Tugendbolde". Denn: "Wenn einmal Deutsche die Tugendwächter spielen, wird es ganz unerträglich." Und die Neger stinken? Und die Juden hauen einen übers Ohr? Oskar Maria Graf, der Ödön von Horváth die Freundschaft kündigte, als dieser um Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer ansuchte, Ossietzky, Günter Gaus, auch Walter Jens, dem Schindel den Erich-Fried-Preis verdankt, und Grass selbst - alle unerträglich? (...)

Ich für meine Person habe mich, was Israel betrifft, entschieden - für den Verrat. Für mich gilt, was keiner so treffend formuliert hat wie Arthur Schnitzler: "Ich fühle mich mit niemandem solidarisch, weil er zufällig derselben Nation, derselben Rasse, derselben Familie angehört wie ich. Es ist ausschließlich meine Sache, mit wem ich mich verwandt zu fühlen wünsche; ich anerkenne keine angeborene Verpflichtung in dieser Frage."

Sleepygoround

Science of Sleep Competition Wann kann man schon gleichzeitig auf sein liebstes Webcomic, die Lieblingsbeschäftigung und einen der hübschesten Filme des Jahres im selben Atemzug hinweisen? John Allison ruft uns alle auf, am "Science of Sleep"-Wettbewerb teilzunehmen.

PS: The story so far: Soeben hat Dark Esther, beeindruckt von seinem selbstaufopfernden Rettungseinsatz gegen angreifende Teufelsbären, The Boy zu The Man gemacht, was letzteren dazu brachte, einen Wohnwagen hochseetauglich genug für die Durchschiffung von Wales aufzuzäumen. Nach Schiffbruch und elfischen Computerpannen vernichtet Tims Freundin jedoch die Beweise für die Schiebung des Erfinderwettbewerbes, der Tims Ära als Bürgermeister von Tackleford beendete, und Amy in die Klauen eines besonders verruchten Establishments führte, und Shelley mit der Existenz ihres Nerd-Fanclubs konfrontierte. (Nicht annähernd so gut wie die Shelley-Zombie-Geschichte, aber stilsicher und chaotisch!)

...

Bald-weg

Freitag, 11. August 2006

Darf man über Israels Verantwortung sprechen?

In Spiegel Online äußert Ralph Giordano, dass jeder, der Gaarders Text zustimme, ein Antisemit sei.

Er führt aus, warum er bedingungslose Solidarität mit Israel für geboten hält: zwar sei das Leid der Zivilbevölkerung im Libanon schlimm, doch werde es mehr als aufgewogen durch das Leid, das die Juden im Holocaust erfahren hätten: "Es ist fürchterlich, was da geschieht. Es bricht mir das Herz, wenn ich die täglichen Bilder aus dem Libanon sehe. Aber ich bin ein Zeitzeuge, der weiß, dass so etwas Ähnliches - zwar mit anderen Vorzeichen, aber doch vergleichbar - schon einmal stattgefunden hat - in einem weit größeren Maße. Mir kommt es darauf an zu sagen, wer die eigentlich Verantwortlichen für das Leid sind." Giordano vergleicht dann diese Entlastung des Staates Israel mit der Entlastung der Alliierten von dem Kriegsverbrechen, das z.B. die Bombardierung Dresdens bedeutete. Die Verantwortung für 500000 verbrannte Zivilisten trügen nicht die Alliierten, sondern die Untaten der Nazis. - Diese Äußerung ist im engen Sinne falsch. Natürlich definieren nicht die Nazis, was ein Kriegsverbrechen ist, sondern das Völkerrecht.
Im Kontext der Diskussion in einem Land, in dem viele nur allzugern der Verantwortung für den faschistischen Angriffskrieg, den Holocaust und manches mehr zu entkommen suchten, wäre eine Debatte über angloamerikanische Kriegsverbrechen im zweiten Weltkrieg eine willkommene Chance gewesen, sich selbst Absolution zu erteilen. Es ist daher nicht ungefährlich, die Bombardierung Dresdens ein Kriegsverbrechen zu nennen. Giordano hat auch recht, wenn er feststellt, dass es ohne die Verbrechen der Wehrmacht, z.B. die Vernichtung von Coventry, niemals dazu gekommen wäre.

Es ist nun aber so, dass ein Verbrechen das andere nicht verschwinden macht. Die 500000 verbrannten Zivilisten der Bombennächte werden durch die 50 Millionen, die der von Deutschland angezettelte zweite Weltkrieg forderte, nicht aufgewogen, und andererseits entlasten sie Deutschland kein bißchen von seiner Schuld. Die Welt handelt aber nicht von "den Deutschen", "den Juden", "den Alliierten". Sie handelt von lauter Menschen, von lauter einzelnen Schicksalen, von lauter individuellen Entscheidungen und Verantwortlichkeiten und ganz individuellem Leid.

In der Antisemitismusdebatte neigen die Anti-Antisemiten oft zur Vereinfachung, weil sie angesichts des tatsächlich vorhandenen Antisemitismus besorgt sind, dass Differenzierung den Antisemiten Zulauf bringt. Giordano spricht davon, dass 18% der Deutschen keinen Juden als Nachbarn wollten und meint daher, es sei nicht hilfreich, die Kriegsverbrechen Israels auch laut solche zu nennen.

Andererseits können wir auch fragen, wieviele Deutsche keine Araber oder Vietnamesen oder Russen als Nachbarn wollen, jeweils einen höheren Prozentsatz ermitteln und eingestehen, dass da draussen halt viel Volk herumläuft mit dem der Diskurs nicht lohnt.

Ich kann verstehen, dass Ralph Giordano aufgrund der Erfahrungen seines Lebens die Gefahr von Antisemitismus als höher einschätzt als den Wert, den der Diskurs haben könnte. Giordano steht damit nicht allein: als Möllemann Sharon und Friedmann vorwarf, durch das Begehen und die Verteidigung von Kriegsverbrechen den Antisemitismus zu befördern, wurde er scharf angegriffen. Lambsdorff erklärte seinerzeit, es sei unerträglich, wenn "die Juden" für den Antisemitismus verantwortlich gemacht würden. Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung. Wenn es zum Beispiel so ist, dass der Bund der Vertriebenen in Polen antideutsche Ressentiments befördert, also Deutsche für Haß auf Deutsche verantwortlich sein können, dann gebietet die Logik, dass es auch für Juden möglich sein muss, den Antisemitismus zu befördern. Zudem hat Möllemann ja ausdrücklich nie "die Juden" für "jüdische Untaten" verantwortlich gemacht, sondern bestimmte Juden für bestimmte Untaten.

Ich stimme Ralph Giordano zu, dass die Beförderung des Antisemitismus schlecht ist, und dass eine Diskussion der Verantwortung Israels für Verstöße gegen internationales Recht und humanitäre Grundsätze Antisemiten bestärken wird.
Aber im Unterschied zu ihm glaube ich nicht, dass Antisemitismus bekämpft werden kann, indem man die Diskussion nicht führt.
Das Gegenteil von Antisemitismus ist nicht Anti-Arabismus (viele Antisemiten hassen auch die Araber), das Gegenteil ist Humanismus.
Die Öffentlichkeit nimmt die israelischen Kriegsverbrechen im Libanon als solche wahr. Der Versuch, die Kritik z.B. der des Judenhasses gänzlich unverdächtigen Heidemarie Wieczorek-Zeul als antisemitisch zu verteufeln, wird niemanden von der Rechtmäßigkeit der israelischen Vorgehensweise überzeugen können, der sie in Zweifel zieht. Im Gegenteil, die voreilige Verurteilung der Ministerin wird Empörung auslösen, und dadurch antisemitische Ressentiments bestärken.

Selbstverständlich können Verbrechen, die von Juden begangen werden, den Antisemitismus befördern, weil sie das Ansehen der Juden in den Augen derjeniger, die nicht nach der individuellen Verantwortung suchen, beschädigen. Aber der Antisemitismus läßt sich nur dann bekämpfen, wenn es möglich ist, die Verantwortung für einzelne Taten denjenigen Menschen zuzuordnen, die sie begehen, das heißt, wenn Juden nicht in Sippenhaft genommen werden für die Taten anderer, wenn unterschieden werden kann zwischen Sharon und Rabin, Friedman und Gysi, Wolfowitz und Chomsky, und dreizehn Millionen anderer jüdischer Menschen auf der Welt, 4,9 Millionen davon in Israel.

Donnerstag, 10. August 2006

Jostein Gaarder entzieht Israel seine Anerkennung

Der norwegische Autor Jostein Gaarder, berühmt für sein eher schlichtes Philosophiepotpourri "Sophies Welt", hat am 5. August unter dem Titel Gottes auserwähltes Volk eine Prophezeiung gegen Israel getätigt, die, obwohl literarisch formuliert, in dieser Form in Deutschland wenig Chancen auf Erstveröffentlichung hätte: Gaarder spricht dem Staat Israel darin das Recht auf Anerkennung ab. Im Duktus des Propheten Amos sagt er den Zerfall der israelischen Staatsstrukturen voraus und bittet um Gnade für die Flüchtlinge - eine Prophezeiung, die der des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu gleichen scheint: "Dieses Regime (...) muss von den Seiten der Geschichte verschwinden" (was üblicherweise falsch übersetzt wird mit "Israel muss von der Landkarte getilgt werden).

Gaarder hat also in ein Wespennest gestochen, die Reaktionen waren erwartungsgemäß heftig. In einem offenen Brief an die Norweger schreibt Shimon Samuels vom Simon-Wiesenthal-Zentrum: "Gaarder geht weiter als jeder zeitgenössische Antisemit ... Gaadger seht sich danach, das Licht der jüdischen Souveränität auszulöschen und den ewig wandernden Juden erneut der europäischen Duldung zu überlassen - diesmal mit 'Milch und Honig' auf dem Todesmarsch".
Nach drei Tagen teilte Gaarder mit, um seine Sicherheit besorgt zu sein und sich nun aus der Debatte zurückzuziehen. Andererseits erhielt Gaarder, der den Text vor der Veröffentlichung mit Nahostexperten durchgegangen war, auch sehr viel Unterstützung von Juden, die sich nicht mit dem kriegführenden Israel identifizieren. Seine scharfe Kritikerin Mona Levin ("das Schlimmste, was ich seit Mein Kampf gelesen habe") traf er und überzeugte sie, kein Antisemit zu sein. Was also sind Gaarders Argumente?

Mädchen von Kiryat Shmona beschreiben Geschosse, die für den Beschuß des Libanon bestimmt sindIsraelische Mädchen beschriften Geschosse, die für den Beschuss des Libanon bestimmt sind. (Photo: AFP)

Zunächst: Natürlich verneigt sich Gaarder vor den Opfern der Verbrechen des Holocaust und der Judenverfolgung, und trotz seiner Radikalität durchsetzt Gaarder seinen Text mit den selbstverständlichen Verurteilungen von Terrorangriffen auf Zivilisten (durch Hisbollah), aber - fügt im gleichen Satz israelischen Staats-Terror hinzu. Er verurteilt die Entführung von Soldaten durch Hisbollah und Hamas, aber - er stellt ihr sofort die Entführung palästinensischer Abgeordneter und Minister gegenüber.
Vor allem jedoch: Er anerkennt das völkerrechtlich bestätigte Israel von 1948, aber - nicht das, was seitdem (aus seiner Sicht) daraus geworden ist, das Israel der Annexionen, das Israel, das der UN-Resolutionen und der Beschlüsse des Internationalen Gerichtshofs spottet, und das deshalb auch nicht hinter UN-Resolutionen Schutz zu suchen hätte. Er identifiziert den Staat Israel mit jenem radikalen religiös oder rassistisch fundierten Zionismus, der als rechter Mainstream die Regierung stellt, den Ausbau von Siedlungen vorantreibt und erbarmungslos Krieg führt. Diese Identifikation ist vermutlich die problematischste im Text. Ist es legitim, die radikalen religiösen und rassistischen Bevölkerungsteile Israels mit Israel zu identifizieren? Ist es illegitim, wenn doch diese Bevölkerungsteile die Politik des Staates Israel wesentlich zu bestimmen scheinen? Oder legitimieren gerade die jüdische und israelische Geschichte einen militanten Zionismus, der zur ethnischen und politischen Neuordnung des Nahen Ostens um der Existenz des jüdischen Staates willen gezwungen ist?

Ich glaube, dass Gaarder kein Antisemit ist, aber dem Zionismus kritisch gegenübersteht. (Allerdings gibt es auch Publizisten wie H.M. Broder, die Antizionismus für in jedem Fall antisemitisch halten und daraus dann sogar die absurd anmutende Konstruktion des antisemitischen Juden ableiten, um jüdische Antizionisten zu delegitimieren.) Die Anerkennung des Existenzrechts Israels gehört jedoch in Deutschland aus guten Gründen zur Staatsraison (Google findet im deutschen Internet übrigens 83.300 mal die Formulierung "Existenzrecht Israels", nur 76 mal wird das das "Existenzrecht Palästinas" erwähnt) und diese Anerkennung wird in der Regel als bedingungslos verstanden. Gaarder knüpft nun Bedingungen daran: die Unterordnung unter das Völkerrecht, die Wahrung moralischer, humanistischer Ansprüche in der Kriegsführung und im Umgang mit der arabischen Bevölkerung. Er vergleicht Israel mit Südafrika und macht klar, dass er mit Israel nicht das Land, sondern die staatliche Struktur meint - andererseits illustriert er auch, dass ein Zusammenbrechen des bestehenden Staates wohl einen teilweisen oder völligen Verlust des Staatsgebietes nach sich ziehen würde. (Tatsächlich präzisiert Gaarder anderenorts, dass er selbst mit dem Text auf literarische Weise die Intention der Mahnung verbindet und persönlich nicht das Existenzrecht Israels in Frage stellt.) Könnte/sollte ein solcher Text wie Gaarders Prophezeiung und literarische Lossagung von Israel, dem Staat, dem Regime, auf Deutsch publiziert und als Mahnung verstanden werden? Wiegt die Gefahr, dass sie in den Dienst von Antisemitismus gestellt oder schlicht mißverstanden wird, ihren Wert als Beitrag zur Diskussion des Nahostkonflikts auf? Einen Beitrag, der sich jene unmodische Position zu eigen macht, die in Europa nach dem Krieg unter dem Eindruck der Bombennächte verbreitet war, aber nun in Vergessenheit geraten ist: den Humanismus? Ich glaube, dass das der Fall ist.

Ich füge hier eine deutsche Fassung an, die ich nach der englischen Übersetzung des Simon-Wiesenthal-Zentrums angefertigt habe (diese Fassung stimmte stark mit einer unabhängigen Übersetzung von Sirocco überein, an den abweichenden Stellen habe ich trotz Unkenntnis des Norwegischen das Original konsultiert). Ich hoffe, auch angesichts des sensiblen Themas, nicht zu viele Fehler hinzugefügt zu haben.


Gottes auserwähltes Volk
Jostein Gaarder, Aftenposten 05.08.06

Aus dem Englischen übersetzt nach einer Übersetzung aus dem Norwegischen des Simon-Wiesenthal-Zentrums
http://norskisraelsenter.no/engl/antis/2006-08-08-swc-gaarder.php#garder-artic


Es gibt keine Umkehr. Es ist an der Zeit, eine neue Lektion zu lernen: Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an. Wir konnten das südafrikanische Apartheid-Regime nicht anerkennen, und ebenso wenig das afghanische Taliban-Regime. Und es gab viele, die Saddam Husseins Irak oder die ethnischen Säuberungen der Serben nicht anerkannten. Wir müssen uns nun an den Gedanken gewöhnen: der Staat Israel in seiner jetzigen Form ist Geschichte.
Wir glauben nicht an die Idee eines von Gott auserwählten Volkes. Wir lachen über die Hirngespinste dieses Volkes und weinen über seine Untaten. Als Gottes auserwähltes Volk zu handeln ist nicht nur dumm und arrogant, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir nennen es Rassismus.

Grenzen der Toleranz

Es gibt Grenzen unserer Geduld, und es gibt Grenzen unserer Toleranz. Wir glauben nicht an himmlische Versprechen als Rechtfertigungen für Besatzung und Apartheid. Wir haben das Mittelalter hinter uns gelassen. Wir lachen unbehaglich über jene, die noch immer glauben, dass der Gott der Flora, Fauna und Galaxien ein einzelnes Volk vor den anderen als sein Liebstes auserwählt und ihm lustige Steintafeln, brennende Büsche und eine Lizenz zum Töten überreicht hat.
Wir nennen Kindermörder ‘Kindermörder’ und werden niemals akzeptieren, dass diese ein gottgegebenes oder historisches Mandat besitzen sollen, das ihre Schandtaten rechtfertigt. Wir sagen nur dieses: Schande über alle Apartheid, Schande über Ethnische Säuberungen, Schande über jeden Terroranschlag auf Zivilisten, ob er nun von Hamas, Hisbollah oder dem Staat Israel verübt wird!

Skrupellose Kriegführung

Wir anerkennen Europas tiefe Verantwortung für das Leid der Juden und nehmen sie auf uns, für die schändliche Verfolgung, die Pogrome, und den Holocaust. Es war eine historische und moralische Notwendigkeit für die Juden, ihre eigene Heimat zu erhalten. Der Staat Israel hat jedoch, mit seiner skrupellosen Kriegführung und seinen abscheulichen Waffen, seine eigene Legitimität massakriert. Er hat internationales Recht, internationale Konventionen und unzählige UN-Resolutionen zum Gespött gemacht, und kann nicht länger Schutz von diesen erwarten. Er hat die Anerkennung der Welt mit einem Bombenteppich belegt. Aber fürchtet Euch nicht! Die Zeit der Not wird bald vorüber sein. Der Staat Israel hat sein Soweto gesehen. Wir sind nun am Scheideweg. Es gibt keine Umkehr. Der Staat Israel hat die Anerkennung der Welt vergewaltigt und wird keinen Frieden haben, bis er seine Waffen nicht niederlegt.

Ohne Verteidigung, ohne Haut

Mögen Geist und Wort die Apartheid-Wände Israels hinwegfegen. Der Staat Israel existiert nicht. Er ist nun ohne Verteidigung, ohne Haut. Möge die Welt deshalb Erbarmen mit der Zivilbevölkerung haben. Denn es ist nicht die Zivilbevölkerung, der unsere Untergangsprophezeiung gilt.
Wir wünschen dem Volk von Israel Gutes, nichts als Gutes, aber wir behalten uns das Recht vor, keine Jaffa-Orangen zu essen, so lang sie faulig schmecken und giftig sind. Es war erträglich, einige Jahre ohne die blauen Trauben der Apartheid zu leben.

Sie feiern ihre Triumphe

Wir glauben nicht, dass Israel vierzig getötete libanesische Kinder mehr beklagt als vierzig Jahre in der Wüste, vor dreitausend Jahren. Wir bemerken, dass viele Israelis solche Triumphe so feiern wie sie einst die Plagen des Herrn als „angemessene Strafe“ für das Volk Ägyptens bejubelten. (In dieser Geschichte erscheint der Herr, Gott von Israel, als unersättlicher Sadist.) Wir fragen, ob die meisten Israelis glauben, dass ein israelisches Leben mehr wert ist als vierzig palästinensische oder libanesische Leben.
Denn wir haben Bilder gesehen, auf denen kleine israelische Mädchen hasserfüllte Grüße auf jene Bomben schreiben, die auf die Zivilbevölkerung von Libanon und Palästina abgeworfen werden. Kleine israelische Mädchen sind nicht niedlich, wenn sie vor Freude strahlen über Tod und Qual hinter den Fronten.

Vergeltung von Blutrache

Wir anerkennen nicht die Rhetorik des Staates Israel. Wir anerkennen nicht die Spirale der Vergeltung der Blutrache von „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Wir anerkennen nicht das Prinzip von einem oder tausend arabischen Augen für ein israelisches Auge. Wir anerkennen keine Kollektivbestrafung oder Bevölkerungsschlankheitskuren als politische Waffen. Zweitausend Jahre sind vergangen, seit ein jüdischer Rabbi die altertümliche Doktrin des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ kritisiert hat.
Er sagte: „Tu an anderen, wie du wolltest, dass sie an dir tun.“ Wir anerkennen einen Staat nicht, der auf antihumanistischen Prinzipien gegründet ist, und auf den Ruinen einer archaischen nationalistischen Kriegsreligion. Oder wie Albert Schweitzer es ausdrückte: „Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.“

Mitgefühl und Vergebung

Wir anerkennen nicht das alte Königreich Davids als ein Modell für die Karte des Mittleren Ostens im 21. Jahrhundert. Der jüdische Rabbi erklärte vor zweitausend Jahren, dass das Königreich Gottes keine kriegerische Wiederherstellung des Königreichs Davids ist, sondern dass das Königreich Gottes in und um uns ist. Das Königreich Gottes ist Mitgefühl und Vergebung.
Zweitausend Jahre sind vergangen, seit der jüdische Rabbi die alte Rhetorik des Krieges entwaffnet und humanisiert hat. Schon zu seiner Zeit waren die ersten zionistischen Terroristen am Werk.

Israel hört nicht zu

Zweitausend Jahre lang haben wir die Lektion des Humanismus einstudiert, aber Israel hört nicht zu. Es war nicht der Pharisäer, der dem Mann half, der, den Räubern zum Opfer gefallen, am Wegesrand lag. Es war der Samariter; heute würden wir sagen, ein Palästinenser. Denn zuallererst sind wir Menschen – dann erst Christen, Moslems, oder Juden. Oder, wie der jüdische Rabbi sagte: „Und wenn du nur deine Brüder grüßt, was tust du mehr als andere?“ Wir akzeptieren nicht die Entführung von Soldaten. Aber ebenso akzeptieren wir nicht die Deportation ganzer Bevölkerungen oder Entführung legal gewählter Parlamentarier und Minister.
Wir anerkennen den Staat Israel von 1948, aber nicht den von 1967. Es ist der Staat Israel, der den dem internationalem Recht entsprechenden Staat Israel von 1948 nicht anerkennt, respektiert und sich auf ihn bezieht. Israel will mehr; mehr Wasser und mehr Dörfer. Um das zu erreichen gibt es jene, die, mit Gottes Hilfe, eine Endlösung des palästinensischen Problems wollen. Die Palästinenser haben so viele andere Länder, haben bestimmte israelische Politiker argumentiert; wir haben nur eines.

Die USA oder die Welt?

Oder wie der oberste Beschützer des Staates Israel sagt: „May God continue to bless America.“ Ein kleines Kind bemerkte das. Sie drehte sich zu ihrer Mutter um und sagte: „Warum hört der Präsident seine Reden immer mit ‘God bless America’ auf? Warum sagt er nicht ‘God bless the world’?“
Dann gab es einen norwegischen Poeten, der diesen kindlichen Seufzer aus seinem Herzen entließ: „Warum nur schreitet die Menschlichkeit so langsam voran?“ Es war er, der so wundervoll über den Juden und die Jüdin schrieb. Aber er lehnte die Idee von Gottes auserwähltem Volk ab. Er selbst zog es vor, sich einen Mohammedaner zu nennen.

Gelassenheit und Gnade

Wir anerkennen nicht den Staat Israel. Nicht heute, nicht im Moment, da wir dieses schreiben, nicht in der Stunde von Trauer und Zorn. Wenn die gesamte israelische Nation ihrem eigenen Handeln erliegen sollte und Teile der Bevölkerung aus den besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen, dann sagen wir: Mögen die Umgebenden gelassen bleiben und ihnen Gnade erweisen. Es ist ein ewiges Verbrechen ohne mildernde Umstände, die Hand an Flüchtlinge und staatenlose Völker zu legen.
Frieden und freies Geleit für die ausziehende Zivilbevölkerung, die nicht länger von einem Staat geschützt wird. Feuert nicht auf die Flüchtlinge! Zielt nicht auf sie! Sie sind verwundbar wir Schnecken ohne Haus, verwundbar wie langsame Karavanen palästinensischer und libanesischer Flüchtlinge, schutzlos wie Frauen und Kinder und Alte in Kana, Gaza, Sabra und Shatilla. Gebt den israelischen Flüchtlingen Obdach, gebt ihnen Milch und Honig!
Lasst nicht ein israelisches Kind mit seinem Leben büßen. Viel zu viele Kinder und Zivilisten wurden schon ermordet.

Samstag, 17. Juni 2006

Androiden und Intelligenz

Gerade findet in Bremen anläßlich der erbarmungswürdigen diesjährigen deutschen Künstliche-Intelligenz-Tagung (weniger als 30 Papers, davon ca. drei mit Bezug zu Intelligenz) das Symposium "50 years AI" statt. (Vor 50 Jahren gab es den ersten Workshop zum Thema "Künstliche Intelligenz".)

Das Symposium ist tatsächlich interessant: Wenn man Wolfgang Bibel glaubt, dann ist die KI dabei, in einen Sommer einzutreten. Marvin Minsky hält die KI hingegen für hirntot. Trotzdem handelt es sich nicht um einen spannenden Teeny-Horror-Thriller von Hirntoten im Sommer, sondern um eine Methode, um Digitalkameras dazu zu bringen, prospektiven Kunden ihren Preis zu erzählen (Wolfgang Wahlster), und um die Autobahnen zu entlasten (Sebastian Thrun). "Is that fair? - Because I don't like being fair; it's so boring" (Minsky, nachdem er feststellt, daß Wittgenstein praktisch nichts von Bedeutung rausgefunden hat).

Ein echtes Highlight sind die Androiden Hiroshi Ishiguros (Osaka): Ego und Alter
Hiroshis Tochter trifft auf ihr Ebenbild - unheimlich...

Making of an Android
Dieser erwachsene Roboter schickt sich an, das sogenannte "Tal der lebenden Toten" (animierte Wachsleiche) zu verlassen.

Freitag, 16. Juni 2006

Das Postwikipediale Zeitalter

Jaron Lanier lieferte gerade eine höchst interessante Argumentation in Edge, in der er kollaborative Intelligenz als digitalen Maoismus verdammt (deutsche Übersetzung). Wikipedia ist ihm das beste Beispiel, wo ein Grüppchen zäher Gnome damit beschäftigt ist, Laniers Versuche, Fehler aus seiner Biographie zu bekommen, zu reverten. Wikipedia organisiert intellektuelle Mediokritizität auf höherem Niveau, und gleichzeitig entkleidet der allgemeine Run ins Meta das kulturelle Schaffen der Originalität: die kollaborativen Internetbeschauer Reddit, Digg etc. sind bloße Aggregatoren, denen die Trennung der Spreu vom Weizen nicht gelingen mag; ein Durchbruch in der Behandlung von Diabetes entgeht der Aufmerksamkeit der Hive Minds zugunsten eines Eiskremverzehrrekords. Kann das Prinzip von "Deutschland sucht den Superstar", die Durchschnittsbildung über die Meinung einer Zielgruppe, tatsächlich individuelle Kreativität ersetzen? Daß John Lennon, Elvis oder Bob Dylan es zum "American Idol" (der amerikanischen Version von DSDS) gebracht hätten, darf Lanier mit Recht bezweifeln. Steht uns mit der Machtübernahme der Hiveminds eine Borg-Revolution ins Haus, die Individualität, Qualität und kulturellen Avantgardismus unter ihrem eisernen Stiefel zertritt?

Offenbar liegt Lanier falsch, wenn er Wikipedia und Digg in denselben Topf wirft: Wikipedia produziert Inhalte, Digg bewertet sie. Es gibt Anzeichen dafür, daß die Zukunft kollaborativer Intelligenz davon abhängt, wie es gelingt, beides in einer Plattform zu verbinden. Und daß die ungewichtete und undifferenzierte Durchschnittsbildung über das Publikumsinteresse nicht den letzten Schluß in der Entwicklung kollaborativer Evaluation darstellt, ist naheliegend. Die Wikis, Foren und Aggregatoren sind lediglich die ersten, unvollkommenen Bausteine auf dem Weg zum kollaborativen Meta-Cortex.

...there are things wrong with RSS aggregators, ranking algorithms, group editing tools, and voting, things we should identify and try to fix. But the things wrong with voting aren't wrong with editing tools, and the things wrong with ranking algorithms aren't wrong with aggregators. (Clay Shirky)
...while the 2006 Wikipedia process may not be the best way to make a textbook, or create the encyclopedia of all species, or dispense the news, the 2056 Wikipedia process, with far more design in it, may be. (Kevin Kelly)

Digitaler Antikommunismus

Trotzdem trat Laniers Beitrag eine mittlere Lawine los; Edge hat die Argumentationen von einigen der Größen des vernetzten Zeitalters dokumentiert. Die Antworten auf Lanier sind brillant, nebenbei bemerkt aber fast durchweg von einer Aufregung getragen, in der ein unreflektierter antikommunistischer Grundkonsens durchschimmert, und der ein sofortiges Bekenntnis vor dem Komittee für Anti-Web-2.0-Aktivitäten zu erfordern scheint: Ja, wir fokussieren auf das Individuum, ja, wir befördern keine anonyme Masse, sondern die Bildung von Kontakten zwischen Einzelnen, wir wollen keine Regierung durch irgendeinen Hive-Mind. Wo wir unsere Hoffnung in die Fähigkeiten kollaborativer emergenter Aktivität setzen, handelt es sich nicht um Kollektivismus, sondern entweder um erweiterte Befähigung des Individuums, oder etwas völlig Neues. Einig sind sie sich in der Ablehnung des Kollektivismus, nicht jedoch in seiner Definition: für die einen droht Kollektivismus mit der Verschüttung der Fähigkeit Einzelnen unter der Mediokrizität von Kommissionsentscheidungen, für den anderen die Herrschaft von der Mehrheit der Dummen über die wenigen Klugen, und für den dritten die Ausübung von zentraler Kontrolle und gewaltsamer Unterdrückung.

Take Google's algorithm. ... Anyone who claims that they have found transcendent wisdom in the pattern emerging from how people spend their scarce resources is a follower of Milton Friedman, not of Chairman Mao. (Yochai Benkler)

Die Frage, was die Relation zwischen Hive-Mind, Kollektiv und Individuum tatsächlich ausmacht, wird in der Edge-Diskussion aber nur von Larry Sanger direkt berührt: bedeutet die Implementation eines kollaborativen Entscheidungsprozesses, daß eine Mehrheit den Experten überstimmt, und wenn ja, liegt die Mehrheit dann richtig? Für Sanger ist die Antwort klar. Fähigkeit ist das Kennzeichen einer (in Fluktuation befindlichen), aus distinkten Individuen bestehenden Elite, deren Herausbildung und Durchsetzung durch Voting- und Aggregationsmechanismen nicht behindert werden darf.

It's not _quite_ right to say the "collectivists" believe that the collective is all-wise. Rather, they don't really care about getting it right as much as they care about equality. (Larry Sanger)

Die Sensibilität der Massen

Sanger hat gewichtige Argumente auf seiner Seite: autoritative Individuen rechtfertigen ihre Aussagen in der Auseinandersetzung notwendigerweise mit epistemologischen Positiva, wie Wahrheit, Wissen, Rechtfertigung, Evidenz. Epistemischer Kollektivismus bedarf dessen nicht - es genügt, auf das Vorliegen einer Mehrheitsannahme zu verweisen, und natürlich können Mehrheiten leicht irren (eben weil sie im Zweifelsfalle auch ohne argumentative Rechtfertigung auskommen).

What's great about it [Wikipedia] is not that it produces an averaged view ... that is somehow better than an authoritative statement by people who actually know the subject. ... What's great about Wikipedia is the fact that it is a way to organize enormous amounts of labor for a single intellectual purpose. The virtue of strong collaboration, as demonstrated by projects like Wikipedia, is that it represents a new kind of "industrial revolution," where what is reorganized is not techne but instead mental effort. It's the sheer efficiency of strongly collaborative systems that is so great, not their ability to produce The Truth. Just how to eke The Truth out of such a strongly collaborative system is an unsolved, and largely unaddressed, problem. (Larry Sanger)

Andererseits ermöglicht starke Kollaboration (Sanger) eine neue Ebene der intellektuellen Produktivität - interaktive, fluktuierende Gruppen können in Jahren Werke vollbringen, zu deren Vollendung kommunizierende Autoritäten einst Jahrhunderte benötigten. Um die Resultate dieser Gruppen jedoch besser zu machen als die der Autoritäten, muß die Verpflichtung auf epistemische Positiva in der Gruppenaktivität verankert werden - die Interaktion benötigt Strukturen und Filter, über denen dann etwas emergiert, das sowohl über die Kapazität aller einzelnen Autoritäten und das Geschnatter der Massen hinausgeht. Und warum sollte das nicht funktionieren? Was wir suchen, sind Mechanismen und Strukturen, die das Resultat weder auf gleichgewichtete Mehrheitsmeinungen noch die lokalen und Einzelprobleme reduzierten Fähigkeiten der Experten festlegt, sondern etwas, das die intellektuellen und ästhetischen Fähigkeiten der beteiligten Individuen zu etwas Neuem, über alle Einzelnen hinausgehenden zusammenfügt.

Die Erlösung von der Kretinisierung durch den Einzelgeist

Sowohl Lanier wie seinen Widerparts scheint der Gedanke, daß die Massen prinzipiell dumm, der Einzelne gelegentlich klug ist, so selbstverständlich, daß er keiner weiteren Erläuterung bedarf. Lanier und Rushkoff vermuten, daß nur Individuen die richtigen Fragen stellen, Benkler ist sich sicher, daß Moralität und Innovation, Erkenntnis und Kreativität die unverbrüchliche Domäne des Einzelnen bleiben. Wenn jedoch Massen aus Einzelnen bestehen, so sind alle kreativen, intellektuellen, ästhetischen und moralischen Fähigkeiten dieser Einzelnen Teil des Potentials dieser Masse. Wenn es der Masse nicht gelingt, ihr Potential zu nutzen, dann liegt das daran, daß sie falsch organisiert ist - Rauschen, Reibung, soziale Synchronisation und viele andere Phänomene können die Geburt von Wahrheit und Schönheit nicht nur behindern, sondern einen ansonsten dahinschießenden klaren Strom von Ideen in einen stinkenden, seichten Sumpf verwandeln. - Dieselben Elemente, die eine übermenschliche Intelligenz und Kulturkraft, ein kulturelles und intellektuelles Solaris ausmachen könnten, sind in unorganisierten (d.h. bloß zusammengeworfenen und nach sozialem Zusammenhalt oder ökonomischen Kriterien aggregierten) Massen zu einem nekrotischen Wolpertinger verklebt, der zwar mit Macht, aber ohne besondere Gerichtetheit seines Weges oder gar auf der Stelle torkelt. Aber laßt uns nicht vergessen, was perfekt funktionierende Gruppen vermögen! Aus Geistesblitzen können stetige Ströme, aus individuell nicht lebensfähigen Fragmenten komplexe Konstruktionen entstehen, die weit über das Vermögen eines Einzelnen hinausgehen.
Wir haben uns daran gewöhnt, daß Technologieprodukte zu komplex sind, als daß ein Einzelner sie herstellen könnte - eine Computerproduktion, eine Pharmazie, ein Fahrzeugbau die darauf angewiesen wären, daß ein Einzelner alle Bestandteile kontrolliert, wäre primitiv, wenn nicht gar unmöglich, und sie würde sich nur im Zeitlupentempo, über Generationen hinweg entwickeln, so wie einst das Handwerk. Warum glauben wir, unsere Kulturwissenschaften, Philosophien usw. auf die Komplexität, Entwicklungsgeschwindigkeit und Breite eines Handwerksberufs beschränken zu müssen?

...und weide mich auf grüner Aue

Andererseits: Warum erfüllt mich die Entwicklung von kollaborativen Medien hin zum Meta-Geist mit solcher Begeisterung? Ich finde mich beseelt von der Hoffnung, daß die neuen Geister nicht nur intelligenter sein werden als die überwiegende Mehrheit der Individuen im Netz, mich ganz besonders eingeschlossen, sondern daß sie auch weiser und kreativer sein werden. - Was die Kreativität betrifft, so besteht wenig Grund, zu bezweifeln, daß die kombinierten und geschickt zur Interaktion gebrachten Geister von vielen Individuen produktiver sein werden als die Individuen allein, das ist schließlich das Grundprinzip menschlicher Kultur. Das heißt natürlich nicht, daß jede beliebe Konfiguration, in die man Individuen bringt, ein kollektives Geistesblitzen betriebfedert. Und in noch stärkerem Maße gilt das für die über einem Kollaborativitätssystem emergente Urteilskraft - die ethischen Triebkräfte eines Meta-Cortex sind direkte Folge seiner Verdrahtung, genauer, der Art und Weise, in der die Verhaltensweisen der beteiligten Individuen zum Ineinanderwirken gebracht werden.

... Something that will finally afford us, as individuals and a species, a kind of certainty in Time. Something that will bring absolute judgment after all the generations. Something that will relieve each individual of the burden of being good. (Douglas Rushkoff)

Anfänge sind glorios, und jammervoll

Aber spricht nicht gerade der durch medial vernetzte Massenkultur geprägte Verfall von Journalismus, Popmusik, Erzählkino gegen die Idee, daß Kollaboration zu etwas anderem führen kann als zum Sieg des Durchschnitts über die Originalität? - Ich glaube, daß die postpostmoderne Massenkultur nicht daran krankt, daß zuviele sich an ihr aktiv beteiligten und dadurch die Chance auf Optimierung der Resultate in Reibungsverlusten oder Durchschnittsbildung verlorengeht. Diese Kultur ist im Gegenteil der Ausdruck einer gnadenlosen Optimierung, mit dem Ziel einer Maximierung des ökonomischen Potentials durch Verbreiterung der Zielgruppen. Nichts spricht dagegen, daß es auch andere Optimierungsprinzipien geben könnte.

I'm troubled by American Idol and the increasingly pandering New York Times as much as anyone, but I don't blame collaboration or techno-utopianism for their ills. In these cases, we're not watching the rise of some new dangerous form of digital populism, but the replacement of key components of a cultural ecology — music and journalism — by the priorities of consumer capitalism. (Douglas Rushkoff)
Because of cost constraints and organizational and legal adaptations in the last 150 years, our information, knowledge, and cultural production system has taken on an industrial form, to the exclusion of social and peer-production. Britney Spears and American Idol are the apotheosis of that industrial information economy, not of the emerging networked information economy. (Yochai Benkler)

Davon abgesehen: Wikipedias Probleme sind meist nicht das Resultat von Problemen, die sich aus demokratischen Abstimmungsprozessen ergeben. Es ist nicht eine Mehrheit der Wikipedianer, die Lanier zum Filmemacher stempelt, sondern lediglich eines oder ein paar unwissende und sozial unbegabte Individuen tun das. Das Problem der gegenwärtigen Wikipedia-Architektur ist darin bedingt, daß in Konflikten zwischen Standpunkten und Formulierungen kein wirksamer Mediationsmechanismus greift. Aus diesem Grund ist Wipipedia auch kaum dazu geeignet, neue Theorien zu entwickeln: wo letztlich nur das NPOV-Prinzip ("Non-Point-of-View", durch Quellenangaben dokumentierte Objektivität) als Ultima Ratio recht oder schlecht seinen Dienst vertritt, kann über Kreativität, Originalität oder gar Geschmack nicht effektiv gestritten werden, Wikipedia eignet sich bislang im Grunde nur für die stilistisch anspruchslose (und kurze) Widergabe von Sachthemen, über die ein hinreichender Konsens besteht.

The "crowd" does not keep acclaiming Mr. Lanier's skills behind the camera; one or more people do. Even in a healthy financial market, everybody's favorite collective mind, there is plenty of mispricing. (Quentin Hardy)

Das heißt jedoch nicht, daß Wikipedia der letzte Schluß in kollaborativer Interaktion ist - es gibt inzwischen zahlreiche Modelle für Meritokratien (Hierarchische soziale Strukturen, in denen Macht aufgrund durch positiv bewertete inhaltliche Tätigkeit erworbenen Ansehens verliehen wird); Amazon-Reviews, Shop-Bewertungssysteme, selbst die Ebay-Bewertung etablieren ein (meist einfaches, aber effektives) System von Checks und Balances, um Vertrauenswürdigkeit und/oder möglichen Einfluß von Individuen zu bestimmen.

Take a look at any of these online functioning collective intelligences — from eBay to Slashdot — and you'll soon get a sense of who has gained status and influence. And in most cases, these reputations have been won through a process much closer to meritocracy, and through a fairer set of filters, than the ones through which we earn our graduate degrees. (Douglas Rushkoff)

Die neuen Trends digitalisieren historische, soziale und biologische Programme

Wie also müssen die neuen Systemstrukturen aussehen? Vielleicht sollten wir uns diejenigen Organisationsformen anschauen, die wir bereits über Jahrhunderte entwickelt und optimiert haben. Die existierenden Hierarchien von Akademien, Kirchen, Regierungen und Firmen etablieren zahlreiche interessante Prinzipien: Low-Pass-Filter, die allzu rasche, unkoordinierte Fehlschüsse vermeiden und Oszillationen reduzieren, Meritokratien, die Einfluß mit Fähigkeiten korrellieren, Evaluations- und Adaptionsmechanismen. Wir sollten uns auch etablierte Prozesse anschauen: Die Entwicklung einer Szene im Improvisationstheater, das Schreiben eines Buches, die Konzeptualisierung eines Produkts, die Fortentwicklung einer Transportmethode, die Genese einer Wissenschaft. All diese Prozesse wollen so adaptiert werden, daß sie durch vielfach intensivierte Kommunikation und effizientere Repräsentation einem Zeitraffer und einem Komplexitätsschub unterworfen werden können. Und schließlich: Laßt uns betrachten, wie die Entwicklung einer Idee im Geist eines Einzelnen funktioniert, laßt uns untersuchen, gezielter Wissenserwerb, Exploration, Kreativität, Kritik, Integration und Evaluation dazu führen, daß ein Einzelner eine Lösung, eine Geschichte, eine Theorie erfindet. Und dann laßt uns diese Prozesse auf viele Individuen verteilen, indem wir die zuvor interne Kommunikation und Mediation externalisieren.

We do not meander about in the intellectual equivalent of Brownian motion. We cluster around topics we care about. We find people who care about similar issues. We talk. We link. (Yochai Benkler)

Ist Kollaboration immer dezentralisiert? - In den Beispielen, die ich bisher gegeben habe, ist das oft der Fall, aber gelegentlich formieren sich temporäre oder andauernde Zentren. Manchmal haben diese Zentren inhaltliche, manchmal strukturierende Funktionen, gelegentlich bestehen sie aus Individuen, in der Regel aus Gruppen einander organisatorisch verbundener Individuen. Diese Zentren bestehen aber im Allgemeinen nicht aus von vornherein definierten "Gründungsvätern": sie sind nicht von vorherein vorgegeben, sondern entwickeln sich parallel zu den Fragestellungen, und neuen Strategien der Beantwortung dieser Fragestellungen. Die Struktur, z.B. die Kirche oder Universität oder Regierungsform definiert Methoden zur Bildung, zur Fluktuation und zur Erneuerung dieser Zentren - sie ordnet Individuen und Gruppen Rollen zu.

Organisationsprizipien

Die Strukturen des Hiveminds müssen nicht nur Interaktion ermöglichen und Möglichkeiten des Individuums vergrößern - mindestens ebensowichtig ist die Beschränkung störender Dynamiken. Die Entscheidungsstrukturen dürfen nicht durch inhaltsferne Interessen korrumpiert werden, durch disfunktionale Gruppen und Individuen okkupiert werden oder durch allzu starke Reibungsverluste, wie sie aus sozialen Konflikten und Interfaceprobleme entstehen, beeinträchtigt werden.
Vor allem jedoch: Kein Hivemind wird funktionieren, ohne daß die beteiligten Individuen motiviert sind. Die wichtigste Voraussetzung eines aus vielen Einzelnen bestehenden Organisationssystems besteht darin, diesen Einzelnen einen Grund zur Beteiligung zu geben. Für heutige wissens- und kulturorientierte Interaktionssysteme gehören zu den Motivationskriterien die Erhaltung und Anerkennung der Individualität, sichtbare Resultate in Form von Inhalten und natürlich befriedigende soziale Interaktionen. Der Hive-Mind muß das Individuum nähren, so wie ein Hirn seine Neuronen nährt und hätschelt, die Kirche ihre Bischöfe und Schäfchen, die Universität ihre Dozenten und Studenten. Das Individuum muß umgekehrt zur Funktionalität des Meta-Geistes beitragen, oder zumindestens seine Kreise nicht stören.

Klumpenbildung vermeiden

Ein funktionierender Hive-Mind wird ebensowenig einfach eine große Gruppe kommunizierender Individuen sein wie ein Gehirn einfach einen großen Klumpen feuernder Neuronen darstellt. It's the structure, stupid! - Anders ausgedrückt: einerseits muß eine kreative und produktive kollaborative Struktur über ein System von Checks und Balances verfügen, das zu ihrer Organisation/Selbstorganisation führt. Wenn man sich existierende Organisationen anschaut, dann sind ferner die Tendenzen zur temporären oder permanenten Modularisierung fällig - verschiedene Individuen und Gruppen finden mögliche, sorgfältig differenzierte Rollen vor, oder sie schaffen neue, und füllen sie dann aus.
Die Strukturen erfolgreicher Organisationen - Akademien und Kirchen, Verlage und Galerien, Familien, Freundeskreise und Gesellschaften sind sowohl Fessel wie auch Futterkrippe, sie stellen den Sieg der Maschine über das Individuum dar, und sind gleichzeitig die Voraussetzungen für alle Kulturleistungen, die über infantile Individualität hinausgehen, indem sie Mem und Material, Normativität und Nahrung zur Verfügung stellen.

Samstag, 10. Juni 2006

Google, be evil!

Was wäre, wenn Google böse wäre? Der Markt für Schandtaten übersteigt den für Nettigkeiten schließlich bei weitem. Gepriesen sei Lore Sjöberg.

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