Warum Wikipedia kein Kollektivgeist ist, und warum die Erlösung wahrscheinlich trotzdem kommt.
In einem nicht unbrillanten Kurzartikel namens
Die Amoralität von Web 2.0 wendet sich Nicholas Carr vorgeblich gegen den euphorischen Erlöstwerdungswahn der von der nächsten Generation vernetzter Informationssysteme Transzendenz Erhoffenden. Hat er sich da einen formidablen Gegner ausgesucht? Wohl kaum, obwohl mir die Euphorie nicht fremd ist, die sich einstellt, wenn man darüber nachdenkt, daß Organisationsprinzipien des Denkens als Selbstorganisationsconstraints externalisiert und in eine Art kollektiven, aktiven und dynamischen Geist überführt werden könnten. Ein artifizielles Solaris, ein denkender Planet.
Aber gegen die Apostel (einige wenige versponnene Gestalten) dieses denkenden Planeten richtet sich Carr nur scheinbar. Zunächst verzerrt er das Bild, indem er unterstellt, die Anhänger solch einer Vision könnten das "Web 2.0" unmöglich als amoralisch sehen, sondern müßten es notwendigerweise moralisch aufladen und also gut heißen. Seine Argumentation sucht sich Wikipedia als angeblichen Prototypen dieses neuen Geistes, und er überführt die Debatte in einen Antagonismus zwischen Professionalität und freier Mediokrität. Wikipedia
muß gut sein, um dem postulierten Transzendenzanspruch gerecht zu werden. Und Wikipedia ist nicht gut, sondern eine schlechte, weil unprofessionell getextete und editierte Stümperei, wie Carr an zwei Beispielen darlegt. Und folglich scheitert der Transzendenzanspruch von Web 2.0.
Natürlich ist die Argumentation ungenau und unlauter:
gut im moralischen Sinne ist nicht
gut in einem qualitativen Sinne. Das letztere hat eher etwas mit Zweckrationalität zu tun, mit der Eignung zur Erreichung von bestimmten Zielen (z.B. mit der Eignung als zuverlässige Enzyklopädie). Wenn Wikipedia dem nicht gerecht wird, dann nicht, weil sie bestimmten moralisch-normativen Ansprüchen nicht genügt, sondern weil Wikipedia nicht die richtigen Organisationsprinzipien implementiert, um sich in Bezug auf Zweckrationalität zu optimieren.
Im Grunde ist natürlich auch Carrs Anfangsargument zweifelhaft. Das Vehikel der Transzendenz kann auch bewundert werden, ohne daß damit eine normative Qualität einhergeht. So, wie der Olympus Mons Ehrfurcht auslöst und die von Google Earth porträitierten Vulkanlandschaften Kamtschatkas, so kann auch ein elektronisches Solaris begeistern, ohne daß es
gut wäre.
gruber - 11. Okt, 15:26