Mittwoch, 1. Februar 2006

Weizenbaum und der Teufel

Joseph Weizenbaum 2005In "Computer Power and Human Reason" klagt Joseph Weizenbaum, dem wir bekanntlich (neben so einigem anderen) den Ur-Chatbot "Eliza" verdanken, daß die Menschheit der Idee der Künstlichen Intelligenz nur allzu optimistisch gegenüberstünde. Weizenbaum, der mit zunehmendem Alter ungemein würdevoll auszuschauen versteht, ist grade noch älter geworden; Anlaß genug für die Fülletong-Mischpoke und die Populärwissenschaftsressorts, diese beliebte These mal wieder aufzukochen. In den Siebzigern, als das Buch erschien, mag die Idee in manchen eingeschworenen Kreisen in den USA (kaum jedoch hierzulande) durchaus ihre Berechtigung gehabt haben, aber heutzutage? Die deutsche KI-Forschung ist komplett in der Untersuchung mathematisch-formaler Sperenzchen, der Standardisierung von Protokollsprachen für Softwareagenten, dem Löten von Fußballrobotern und der Aufplusterung des Semantic-Web-Hypes versackt - eine Vision von General Intelligence wird man vergeblich suchen.
Tatsächlich kann keine Rede davon sein, daß KI ein populäres Konzept ist - der weichwissenschaftliche Konsens (und also die meinungsbildende Zunft der halbgebildeten Öffentlichkeit) haßt es sogar regelrecht, wird doch die computationale Theorie des Geistes in jedweder Form als Bedrohung des wie eh und je wohlgehegten dualistischen Menschenbildes des Westens empfunden.

Interessanterweise gibt es kaum Kritik an der computationalen Theorie des physikalischen Universums, also der Idee, daß sich das Universum in einer exakten Sprache beschreiben läßt - niemand bestreitet, daß Planetenbahnen, Atomexplosionen, Wirbelstürme und zerdepperte Kotflügel regelhaft verhalten. Nur der Geist möge bitteschön anders verfaßt sein - was auch immer man sich für Ärger einhandelt, wenn man gleichzeitig akzeptiert, daß Menschen aus ganz normalen Standardatomen bestehen und ein ganz normal evolviertes Säugergehirn in ihren Schädelpfannen herumtragen. Warum diese Mühe? Womit erzeugt diese einfache, elegante und eigentlich selbstverständliche These: daß Denken wie alles andere von uns Konzeptualisierbare ein computationaler Prozeß ist, und daß es sich zudem um einen relativ simplen (wenn auch wahrscheinlich nicht intuitiv formulierten) Satz von Mechanismen handeln muß, wenn er in die paar Megabyte hochgradig verrauschtes Genom passen und mit notorisch ausfallträchtigem Bioglibber implementiert werden soll, soviel Unbehagen und Feindseligkeit?

Vielleicht kann man das erklären, wenn man sich klarmacht, daß unser westliches Menschenbild auf einer naiven Interpretation der christlichen Kosmologie beruht.

Das Christentum apostrophiert einen knallharten Dualismus: Gott, der jenseits des räumlichen und teilweise auch des zeitlichen Materiekosmos steht und - da metaphysisch - nicht an dasselbe Substrat wie unsere kümmerliche Leiblichkeit gebunden ist, hat den ganzen (physischen) Laden implementiert und dann mit unseren (physischen) Körpern besiedelt. Gottes Design ist ziemlich unfehlbar, und wirklicher Mist im Weltenbau wird durch nichtgöttliche, nämlich teuflische Störeinflüsse verzapft. Der Teufel, selbst metaphysisch verkörperlicht, hat eine offenbar viel menschenähnlichere Persönlichkeitsstruktur als Gott. So wie Gott ist er nicht an die Physik gebunden und vermag Materie herbeizuprogrammieren (er hat sogar seine eigene, allerdings sehr krude Sphäre geschaffen). Allerdings fehlt es ihm an Vision und Begabung zum Weltenschöpfen, so daß seine Hauptbeschäftigung im Anrichten von Katastrophen und Kleinknatsch liegt. Gott und Teufel können die Randbedingungen der physischen Existenz von Menschen jederzeit ohne irgendwelchen Aufwand ändern - Reichtümer, körperliche Schönheit, Erfolge im Meistern einer Sportart und dergleichen können für sie keinen Wert darstellen, sondern sind lachhafte Verschränkungen des Menschen mit seiner oberflächlich sichtbaren Umgebung.

Wir Menschen sind scheinbar physisch - unsere wahre Substanz muß jedoch darüberhinaus metaphysischer Natur sein, um das Interesse von Gott und Teufel zu rechtfertigen. Gott gibt uns die Chance, in der Interaktion mit der physischen Welt über diese hinauszuwachsen und in geläuterter, gereinigter Form an seine Seite in die Paläste der Metaphysik aufzusteigen, wenn es uns nur gelingt, uns in der rechten Weise auf unseren metaphysischen Kern (den er bloß vorübergehend in unsere Körper hineingehaucht hat) zu besinnen. Der Teufel hingegen lenkt uns von dieser Mission ab, indem er uns mit wertlosem physischen Tand (Erfüllung der physischen Scheinbedürfnisse, Konfrontation mit physischen Scheinkatastrophen) überschüttet und uns zum Ausgleich die uns wertlos erscheinende metaphysische Substanz abzuluchsen sucht.

Dieser metaphysische Kern wird gewöhnlich Seele genannt. Im Laufe der jüngeren Kulturgeschichte wurde die Seele vom Träger der Denkprozesse und der Persönlichkeit zu einer physikalisch und interaktiv eigenschaftlosen, bloßen Essenz. Manchmal wird nahegelegt, sie sei der Träger der Identität (was mit den klinisch dokumentierten Fällen multipler Identitäten kollidiert). Beliebt ist auch die Intuition, daß die Seele der aphysikalische, epiphänomenale Rezeptor der Phänomenologie sei.

Dieses kindlich-christliche Weltbild bietet Trost in der Gewißheit, daß die erfahrbare Sinnlosigkeit der weltlichen Existenz Erkenntniswert besitzt und sich darüberhinaus eine wesentliche, uns derzeit noch verborgene Sphäre erstreckt. Wir sind dem Universum, bzw. seinen treibenden Kräften, auch nicht egal, sondern diese beobachten uns, ja ringen sogar um uns. Es ist nicht nur so, daß die ungerecht verteilten physischen Bedürfnisbefriedigungstrigger völlig hohle Glasperlen aus einer göttlichen oder teuflischen Programmiersekunde darstellen, sondern hinter dieser Oberfläche verbirgt sich eine geheime Welt voller wahrer Befriedigung. Unsere Handlungen besitzen eine verborgene Signifikanz bezüglich dieser geheimen metaphysischen Welt.

Darwins Einwurf, daß wir eine Affenspezies sind, stellte das christliche Menschenbild auf eine harte Probe (wie die Beliebheit antidarwinistischer Auffassungen in den USA bis in die heutige Zeit anschaulich demonstriert). Wo jedoch akzeptiert wurde, daß unsere Körperlichkeit einer biologischen Evolution entspringt, wurde der christliche Physik/Metaphysik-Dualismus grundlegend verfeinert und sublimiert. Physik wird nunmehr als eine tote, kalte Maschine aufgefaßt, der die universelle, ihrer Natur nach göttliche Lebenskraft entgegensteht. Dieser Seelenstoff ist zwar wohl nur im Menschen in Vollendung organisiert, ist aber auch jeder lebenden Zelle beigeordnet. Searles idiotisches Diktum, Bewußtsein könne nicht von funktionsgleichen Kunstneuronen, sondern nur durch die intrinsischen Kräfte biologischer Neuronen zustandekommen, wird dadurch ebenso verständlich wie der Umstand, daß die Öffentlichkeit ihn dafür nicht erbarmungslos auslacht. Die Dissipation der Neurowissenschaften und der Systemtheorie in die Allgemeinbildung der normalgebildeten Schichten hat zu einem vitalistischen Neodualismus geführt. Die aus physikalischer Sicht irrelevante Unterscheidung zwischen lebenden und nichtlebenden Systemen ist in diesem Begriffssystem höchst bedeutungsvoll, und die Auffassung von geistigen Prozessen bloß als Ausdruck von spatiotemporaler Materieorganisation ist häretisch.

Worin besteht diese Häresie? - Nun, die Ersetzung unserer seelischen Essenz, dieser geheimnisvoll aus zellulärer vis vitalis herbeiemergierten Seinssubstanz durch einen kalten, toten Maschinenprozeß wird als Enteignung entfunden. Sie beraubt uns der metaphysischen Währung, um derentwillen uns der Teufel Aufmerksamkeit und Bedeutung schenkt, und mit der wir uns von Gott Sinn kaufen wollen.

Das Bekenntnis zur computationalen Theorie des Geistes ist keine große intellektuelle Leistung, sondern bloß eine Frage der erkenntnistheoretischen Redlichkeit, und ihre Ablehnung ist keine ernsthafte philosophische Option. In kultureller Hinsicht jedoch stellt sie den Übergang von der christlich-dualistischen Kosmologie in etwas dar, das denen, die mit ihr geschlagen sind, nur als das finstere Vakuum eines wertlosen Nihilismus erscheinen kann.

Schlappohren

Man müßte Schlappohren haben. Schön wuschelig befellt. Ich stelle mir vor, wie eindrucksvoll es sein könnte, den Kopf zu schütteln, etwas vornüber geneigtes, kräftiges, schwungvolles Tilten: flap flap flap - und die Fliegen kann man so auch verscheuchen.

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