Freitag, 11. August 2006

Darf man über Israels Verantwortung sprechen?

In Spiegel Online äußert Ralph Giordano, dass jeder, der Gaarders Text zustimme, ein Antisemit sei.

Er führt aus, warum er bedingungslose Solidarität mit Israel für geboten hält: zwar sei das Leid der Zivilbevölkerung im Libanon schlimm, doch werde es mehr als aufgewogen durch das Leid, das die Juden im Holocaust erfahren hätten: "Es ist fürchterlich, was da geschieht. Es bricht mir das Herz, wenn ich die täglichen Bilder aus dem Libanon sehe. Aber ich bin ein Zeitzeuge, der weiß, dass so etwas Ähnliches - zwar mit anderen Vorzeichen, aber doch vergleichbar - schon einmal stattgefunden hat - in einem weit größeren Maße. Mir kommt es darauf an zu sagen, wer die eigentlich Verantwortlichen für das Leid sind." Giordano vergleicht dann diese Entlastung des Staates Israel mit der Entlastung der Alliierten von dem Kriegsverbrechen, das z.B. die Bombardierung Dresdens bedeutete. Die Verantwortung für 500000 verbrannte Zivilisten trügen nicht die Alliierten, sondern die Untaten der Nazis. - Diese Äußerung ist im engen Sinne falsch. Natürlich definieren nicht die Nazis, was ein Kriegsverbrechen ist, sondern das Völkerrecht.
Im Kontext der Diskussion in einem Land, in dem viele nur allzugern der Verantwortung für den faschistischen Angriffskrieg, den Holocaust und manches mehr zu entkommen suchten, wäre eine Debatte über angloamerikanische Kriegsverbrechen im zweiten Weltkrieg eine willkommene Chance gewesen, sich selbst Absolution zu erteilen. Es ist daher nicht ungefährlich, die Bombardierung Dresdens ein Kriegsverbrechen zu nennen. Giordano hat auch recht, wenn er feststellt, dass es ohne die Verbrechen der Wehrmacht, z.B. die Vernichtung von Coventry, niemals dazu gekommen wäre.

Es ist nun aber so, dass ein Verbrechen das andere nicht verschwinden macht. Die 500000 verbrannten Zivilisten der Bombennächte werden durch die 50 Millionen, die der von Deutschland angezettelte zweite Weltkrieg forderte, nicht aufgewogen, und andererseits entlasten sie Deutschland kein bißchen von seiner Schuld. Die Welt handelt aber nicht von "den Deutschen", "den Juden", "den Alliierten". Sie handelt von lauter Menschen, von lauter einzelnen Schicksalen, von lauter individuellen Entscheidungen und Verantwortlichkeiten und ganz individuellem Leid.

In der Antisemitismusdebatte neigen die Anti-Antisemiten oft zur Vereinfachung, weil sie angesichts des tatsächlich vorhandenen Antisemitismus besorgt sind, dass Differenzierung den Antisemiten Zulauf bringt. Giordano spricht davon, dass 18% der Deutschen keinen Juden als Nachbarn wollten und meint daher, es sei nicht hilfreich, die Kriegsverbrechen Israels auch laut solche zu nennen.

Andererseits können wir auch fragen, wieviele Deutsche keine Araber oder Vietnamesen oder Russen als Nachbarn wollen, jeweils einen höheren Prozentsatz ermitteln und eingestehen, dass da draussen halt viel Volk herumläuft mit dem der Diskurs nicht lohnt.

Ich kann verstehen, dass Ralph Giordano aufgrund der Erfahrungen seines Lebens die Gefahr von Antisemitismus als höher einschätzt als den Wert, den der Diskurs haben könnte. Giordano steht damit nicht allein: als Möllemann Sharon und Friedmann vorwarf, durch das Begehen und die Verteidigung von Kriegsverbrechen den Antisemitismus zu befördern, wurde er scharf angegriffen. Lambsdorff erklärte seinerzeit, es sei unerträglich, wenn "die Juden" für den Antisemitismus verantwortlich gemacht würden. Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung. Wenn es zum Beispiel so ist, dass der Bund der Vertriebenen in Polen antideutsche Ressentiments befördert, also Deutsche für Haß auf Deutsche verantwortlich sein können, dann gebietet die Logik, dass es auch für Juden möglich sein muss, den Antisemitismus zu befördern. Zudem hat Möllemann ja ausdrücklich nie "die Juden" für "jüdische Untaten" verantwortlich gemacht, sondern bestimmte Juden für bestimmte Untaten.

Ich stimme Ralph Giordano zu, dass die Beförderung des Antisemitismus schlecht ist, und dass eine Diskussion der Verantwortung Israels für Verstöße gegen internationales Recht und humanitäre Grundsätze Antisemiten bestärken wird.
Aber im Unterschied zu ihm glaube ich nicht, dass Antisemitismus bekämpft werden kann, indem man die Diskussion nicht führt.
Das Gegenteil von Antisemitismus ist nicht Anti-Arabismus (viele Antisemiten hassen auch die Araber), das Gegenteil ist Humanismus.
Die Öffentlichkeit nimmt die israelischen Kriegsverbrechen im Libanon als solche wahr. Der Versuch, die Kritik z.B. der des Judenhasses gänzlich unverdächtigen Heidemarie Wieczorek-Zeul als antisemitisch zu verteufeln, wird niemanden von der Rechtmäßigkeit der israelischen Vorgehensweise überzeugen können, der sie in Zweifel zieht. Im Gegenteil, die voreilige Verurteilung der Ministerin wird Empörung auslösen, und dadurch antisemitische Ressentiments bestärken.

Selbstverständlich können Verbrechen, die von Juden begangen werden, den Antisemitismus befördern, weil sie das Ansehen der Juden in den Augen derjeniger, die nicht nach der individuellen Verantwortung suchen, beschädigen. Aber der Antisemitismus läßt sich nur dann bekämpfen, wenn es möglich ist, die Verantwortung für einzelne Taten denjenigen Menschen zuzuordnen, die sie begehen, das heißt, wenn Juden nicht in Sippenhaft genommen werden für die Taten anderer, wenn unterschieden werden kann zwischen Sharon und Rabin, Friedman und Gysi, Wolfowitz und Chomsky, und dreizehn Millionen anderer jüdischer Menschen auf der Welt, 4,9 Millionen davon in Israel.

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