Jenseits des "Pro-Amerikanismus"

Gott ist gut. Gott ist groß. Gott ist gut. Mein Gott ist gut. Bin Ladens Gott ist böse. Er ist ein böser Gott. Saddams Gott war böse, wenn er einen gehabt hätte. Er war ein Barbar. Wir sind keine Barbaren. Wir hacken Menschen nicht den Kopf ab. Wir glauben an die Freiheit. So wie Gott. Ich bin kein Barbar. Ich bin der demokratisch gewählte Anführer einer freiheitsliebenden Demokratie. Wir sind eine barmherzige Gesellschaft. Wir gewähren einen barmherzigen Tod auf dem elektrischen Stuhl und durch barmherzige Todesspritzen. Wir sind eine große Nation. Ich bin kein Diktator. Er ist einer. Ich bin kein Barbar. Er ist einer. Und er auch. Die alle da. Ich besitze moralische Autorität. Seht ihr diese Faust? Das ist meine moralische Autorität. Und vergesst das bloß nicht.

Harold Pinters ausgezeichnete Nobel-Vorlesung sollte man lesen. Sie tut das, was ein guter politisch-literarischer Text tun sollte - sie fokussiert.
Gregor Keuschnig - 8. Jan, 18:05

Erwünschte Unruhe

Bei der Lektüre von Pinters Rede habe ich mich gefragt, was passiert wäre, wenn ein deutsch(sprachig)er Autor so etwas gesagt hätte. Wie oft wäre das Etikett des „Antiamerikanismus“ aufgeklebt worden, um damit jegliche Diskussion a priori zu beenden?

Die Liste der verstörenden Einmischungen von Dichtern in festgefügte politische Weltbilder ist prominent (und gelegentlich tatsächlich unangenehm), beispielsweise Hamsun oder Ezra Pound oder Sartes Sowjetunion-Reise (1954) und der Besuch der RAF-Terroristen in Stammheim (1974), Enzensberger (Kuba 1968/69), Garcia-Marquez (seine Freundschaft zu Castro), Peter Handke (1995ff., Serbien). Wenn man "Glück" hat, verzeihen die Medien diese Engagements mit der Zeit und legen sie in ihren Giftschränken ab.

Bei Pinter liegt die Sache anders. Der Mann ist schwer krebskrank, seine politische Sicht offensichtlich seit Jahren gefestigt ohne verbohrt zu sein (lässt man mal die merkwürdig pauschalisierenden Bemerkungen über die ausschliesslich „der Macht“ wegen agierenden Politiker einmal beiseite). Auch Pinter, der eine im Jugoslawien-Konflikt eine andere Haltung als den common sense annahm, wurde für seine Rede gescholten. In den deutschen Medien sprach man von einem Skandal, ohne zu definieren, warum es einer gewesen sein sollte.

Die Akademie gerät abermals unter beträchtlichem Druck. Seit einigen Jahren verweigern die Herren sich konstant des fast weltweiten Lobhudelei-Oligopols Autoren wie Philipp Roth oder John Updike „endlich“ den Preis zuzusprechen. Und abermals zeigt sie – die Akademie -, dass der Preis nicht nur an schriftstellerischen, sozusagen rein literarischen Kriterien orientiert ist, sondern durchaus soziale und politische Dimensionen bei der Vergabe mitspielen. Etliche der Preisträger der letzten Jahre gelten als (politische) Propheten im eigenen Lande recht wenig: Dario Fo aus Italien (1997), Günter Grass (1999), vielleicht sogar V. S. Naipaul (2001), nicht zu vergessen Elfriede Jelinek (2004) und jetzt Harold Pinter: Alles Autoren, die in oder parallel zu ihrem Werk durchaus auch politische Akzente gesetzt haben und dafür heftigst angegriffen wurden.

Was mich am meisten an der Pinter-Rede ergriffen hat, ist das Herausarbeiten der Kontinuität US-amerikanischer Politik. Der einzige Unterschied ist, dass dies vor 1989/90 mit der Legitimation durch die Bipolarität des Kalten Krieges quasi seine „Berechtigung“ fand, während es spätestens nach 2001 mehr oder weniger offen, ja sogar offensiv betrieben wird (rhetorisch notdürftig, aber dennoch wirksam flankiert mit der bis zur Hysterie übersteigerten Angst vor einer Infiltration des „Terrorismus“, der nebenbei und kostenlos über Jahrhunderte mühsam „erworbene“ Bürgerrechte einkassiert).

Pinter verschweigt zwar (vermutlich aus Gründen der Übersichtlichkeit), dass Busch senior 1990/91 den Golfkrieg zur „Befreiung“ Kuwaits (also zur Wiederherstellung eines oligarchischen, menschenverachtenden und undemokratischen Systems) über die Vereinten Nationen eine Koalition zusammenbekam (wenn auch durch geschickte Propaganda abenteuerlicher Lügengeschichten), die immerhin in Anlehnung an das Völkerrecht autorisiert war, so zu reagieren, aber diese Phase einer Art kooperativen Aussenpolitik war derart kurz, dass sie das grosse Bild dessen, was sich als Grossmachtpolitik der USA zeigt, nicht zu beeinträchtigen vermag.

Fatal hierbei erscheint, dass der Zusammenbruch dessen, was man gemeinhin Kommunismus nannte, nachträglich (mindestens in der Sicht vieler Intellektueller – auch aus Deutschland) diese Politik, die Pinter anspricht (also beispielsweise in Süd- und Mittelamerika) legitimiert, ja, diese als mitentscheidend angesehen wird.

Mir kommen Worte des Schauspielers Sepp Bierbichler in den Sinn, der im April 1999 schrieb: „..die Glaubwürdigkeit eines Textes, seine sogenannte politische Korrektheit, seine moralische Unanfechtbarkeit, zu messen an der privaten Person des Urhebers, das interessiert mich schon lang nicht mehr. Das ist etwas, was die feigen Seelen brauchen, wenn der unauflösliche Widerspruch gespürt und wieder mal unaushaltbar wird. Übers Fressen und Saufen hinaus leben wir davon letztlich alle. Ob ein Schriftsteller lügt oder nicht, wenn er mir die Wahrheit sagt, das ist mir völlig Wurscht. Mir reicht es, wenn ein Text in mir eine Unruhe erzeugt, die sich so weit steigern kann, daß ich fürchte, den Wahnsinn sehen zu müssen, nur weil dieser Text das Meinige berührt, jenes, das ich bis dahin vermieden habe, allein zu berühren, aus Furcht, es nicht auszuhalten.“

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