Köppnick - 12. Feb, 10:13

Denkfehler!?

Den Gedanken, alle Josef Knechts dieser Welt in einem eigenen Kastalien zu versammeln, hatte ich auch schon. Dieser Idee liegt aber ein Denkfehler zu Grunde. Die Attributierung als Künstler oder Wissenschaftler oder Schriftsteller - oder Hochbegabter - charakterisiert nicht ihre Stellung zu sich selbst, sondern zur übrigen Gesellschaft. Ihre Tätigkeit erhält nur dadurch einen Sinn, dass sie, im Austausch für andere Produkte, der Gesellschaft ihre eigenen Werke zur Verfügung stellen. Und ihre Macken, Selbstzweifel und persönliche Verletzlichkeit sind intrinsische Merkmale ihrer Persönlichkeit bzw. ihres Schaffensprozesses. Genauso wie sich der Fliesenleger die Knie ruiniert und der Asbestarbeiter die Lunge.

Wenn man tausend von ihnen in einem eigenen Land einsperrt, dann bildet sich binnen ganz kurzem eine neue Struktur heraus. Man braucht jetzt auf einmal einen König, viele Bauern, Bäcker, Schmiede, und vielleicht nur einen Wissenschaftler und einen einzigen Schriftsteller. Nach gewisser Zeit werden die Neubauern, -bäcker und -schmiede genauso auf den Wissenschaftler und den Schriftsteller schimpfen wie hier und jetzt.

Ich habe das schon erlebt, selten war ich so zufrieden und ausgeglichen, wie in der Zeit, als ich bei der Apfelernte, in der Brauererei oder auf dem Bau gearbeitet habe. Sobald ich wieder hinter dem Schreibtisch saß, kamen die Selbstzweifel und die Unzufriedenheit zurück. Das ist der Preis für deine Tätigkeit.

gruber - 12. Feb, 14:25

Intrisische oder relative Eigenschaften?

Als ich in Neuseeland war, einem Land, das fast nur aus Dorf besteht, habe ich die Mitglieder des Mensa-Vereins kennengelernt (also diejenigen, die in den obersten zwei IQ-Prozentilen liegen).
Mensa ist in Neuseeland kein Verein von arroganten Schlaubergern, sondern eine Selbsthilfegruppe von Leuten, die sonst zu wenig befriedigende Kontakte hätten. Sie treffen sich und machen Picknicks, Schwatzabende, Theaterbesuche. Sie sind Ärzte, Automechaniker, Anwälte, Bäcker, Bauern, Handwerker, Reiseleiter, Studenten oder Arbeitslose. Was sie verbindet, ist der Spaß an der Auseinandersetzung mit fremden Standpunkten, größere geistige Beweglichkeit und Offenheit, die Erfahrung, daß für sie keine Medien und keine Politik und kaum Kultur gemacht werden.

Akademische oder künstlerische Begabung macht einen nicht unbedingt unfähig dazu, auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in der Brauerei zu arbeiten, wie Du so schön feststellst. Und es gibt dementsprechend auch künstlerisch und wissenschaftlich interessierte Schreiner und Brauer.

Die Macken, an denen viele Künstler und Wissenschaftler leiden (uns beiden fallen bestimmt Beispiele aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis ein), sind nicht unbedingt Berufskrankheiten geschuldet, sondern Einsamkeit, die sich aus Mangel an einem Umfeld ergibt, mit dem man sich auf gleicher Augenhöhe bewegt. Die "breite Masse" schimpft ja nicht auf die Künstler und Wissenschaftler, weil diese nicht für sie sichtbar am Produktionsprozeß beteiligt sind (sie schimpft ja nicht auf die Fußballer), sondern weil sie nicht versteht, was sie antreibt und wo der Wert der Resultate und der Lebensweise liegt. Du hast recht, wenn Du darauf hinweist, daß dieser Mangel an Verständnis zu einem großen Teil auf die jeweils eigene Lebensweise zurückgeht - aber eben nicht notwendigerweise. Ein künstlerisch oder wissenschaftlich begabter Bäcker wird vielleicht neben seiner Arbeit in der Backstube zeichnen, funken, programmieren, musizieren, löten... und nicht dazu neigen, Künstler und Wissenschaftler zu diskriminieren.

Die Republik der Genies wird kein Land sein, das sich ausschließlich mit Kunst, Literatur und Technologie beschäftigt, sondern eines, in dem das Interesse an Kunst, Literatur und Technologie eine Selbstverständlichkeit und keine Verschrobenheit darstellt.
Köppnick - 12. Feb, 16:31

Arrogante Schlauberger

Arrogante Schlauberger wahrscheinlich wirklich nicht, denn wer die Zeit für die Mensa aufbringt, dem fehlt sie an anderer Stelle, zum Beispiel beim Gebrauch seiner Ellenbogen.

Von deiner neuseeländischen Mensamitgliedschaft hatte ich gelesen und daraufhin ein drittes Mal überlegt, diesem Verein beizutreten. Mein Verhältnis dazu bleibt aber weiterhin ambivalent. Es ist seltsam, wenn die Mensa auf ihrer Homepage davon schreibt, dass sich niemand wegens seines niedrigeren IQs benachteiligt fühlen muss, und dann andererseits nur Leute mit 130+ hineinlässt. Das erinnert mich fatal an den alten Witz, in dem der südafrikanische Busfahrer sagt, ab jetzt gäbe es keine Rassentrennung mehr, keine Weißen oder Schwarzen, nur noch Grüne, und die Dunkelgrünen sollten doch bitteschön hinten im Bus einsteigen.

Um einen Menschen mit vielen Macken zu studieren, muss ich meine Singlewohnung nicht verlassen. An deiner Einsamkeitshypothese ist was dran, manchmal sitze ich bei irgendwelchen (Familien-)Feiern herum und denke, mein Gott, worüber unterhalten die sich bloß, gibt es wirklich nichts Spannenderes?

Die Welt ist so, wie sie ist, daran wird sich in den für uns interessanten Zeiträumen wohl nichts ändern. Man muss sich da irgendwie durchmogeln und aufpassen, dass man einem der unzähligen Dummbatzen, die zufällig viel Geld oder Macht oder den Finger am Abzug haben, nicht in die Quere kommt.
gruber - 13. Feb, 03:56

Wieso arrogant?

Niemand hat etwas gegen einen Verein großwüchsiger Menschen einzuwenden, oder? (Gibt es - sie sind glücklich, nicht ständig angestarrt zu werden und in trauter Runde Klamotten- und Möbeltips auszutauschen, oder was weiß ich.) Oder kleinwüchsiger Menschen. Warum nicht auch einen Verein für Leute, die gut im Lösen von Puzzles sind? Insbesondere, wenn sie dadurch endlich unter Gleichgesinnte kommen.
Dummerweise ist Intelligenz ein zweischneidiges Schwert: jeder möchte sie gern haben, sie ist unmittelbar wertbehaftet, insbesondere hierzulande. Andererseits akzeptiert man die Intelligenten nicht - die sollten bitteschön genauso sein wie man selbst. Ein Verein für intelligente Leute weist jedermann einerseits darauf hin, daß er möglicherweise nicht dazugehört und ist andererseits ein Treffpunkt von Leuten, die man sowieso nicht leiden mag - eine zweifache Kränkung, oder?
In Deutschland sehe ich persönlich keinen Grund, Mensa beizutreten oder gar Beiträge zu zahlen. Es genügt, in eine Großstadt zu ziehen, um seinen Freundeskreis mit interessanten Gesprächspartnern zu bestücken. Das ist in Neuseeland natürlich anders (und dementsprechend hat die deutsche Mensa, glaube ich, nur etwa doppelt so viele Mitglieder wie die neuseeländische - obwohl in Neuseeland nur 3,5 Millionen Leute wohnen).
Mitglieder von Mensa werden nicht bevorteilt. Es gibt eine wurstige Vereinszeitschrift, und Sight, einen Verbund von Leuten, die sich auf Reisen gegenseitig beieinander pennen lassen (ist aber nur ein kleines Sub-Set der Mensaner, die da mitmachen). Sonst fällt mir nix ein. Es kann keine Rede davon sein, daß da ein Bus wäre, in dem die Mensaner vorne sitzen.

Übrigens haben intelligente Menschen, die in für sie geeigneter Umgebung leben, im Schnitt deutlich weniger Macken als dumme Menschen. Die Welt mag so sein wie sie ist, aber sie ist ziemlich groß, und es ist an uns, ein geeignetes Fleckchen zu wählen und einzurichten.
sun of a beach - 13. Feb, 20:53

Grubers Fluch(t)

Ich galube (sic!), dass Gruber keinen Deut davon hat, was tatsächliche (greifende) Genialität ist. Wie denn auch? Sobald uns etwas genialisch daherkommt, ist es schon zwei Zugriffe zu spät. Genialität entzieht sich doch augenblicklich, wenn sie sich minderautorisierten Zugriffen ausgesetzt fühlt. Wieso glaubt also cher Grüber, dass er über etwas sprechen kann, dass er nicht und niemals sehen kann?! Bin verwirrt...

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