spalanzani (Gast) - 18. Jun, 15:45

Drei Anmerkungen:

(1) Wikipedia ist vielleicht kein gutes Beispiel für einen Hive-Mind: Was uns dort interessiert, also Artikel zu Themen, wird nicht eigentlich vom Kollektiv erzeugt. Die Wikipedia ist, was das angeht, ebenso hive wie ein klassisches Lexikon auch. Gerade die exzellenten Wikipedia-Artikel sind eben nicht das Ergebnis einer kollektiven unorganisierten Anstrengung, sondern gründlicher Arbeit einzelner -- es ist wie im Brockhaus auch.
Wikipedia demokratisiert also nicht Autorschaft, sondern Autorität. Während ich bei einem klassischen Lexikon weiß, wes Geistes Kind der Text ist, den ich lese, bin ich bei der Wikipedia allein mit der Frage, wie vertrauenswürdig das ist, was ich da lese. Bei Autorität geht es wohlgemerkt nicht um Die Wahrheit, sondern nur das Wissen darum, wessen Weltbild ich da mitlese.
Will sagen: Wikipedia ist in der Produktion sehr nah an klassischen Lexika und erbt also ihre unvermeidliche Tendenz zur Tendenz -- nur daß man bei Wikipedia im Einzelfall nicht weiß, mit wem man es zu tun hat. Das ist Fluch und Segen zugleich, aber jedenfalls ist Wikipedia eher ein Sammelplatz für das Wissen von Individuen als ein Hive.

(2) Das Problem mit richtigen Hives, die also keine Autorschafts-Zuschreibung mehr erlauben und das nicht nur qua Vergesslichkeit, scheint mir weniger zu sein, daß sie notwendig das Mittelmaß fördern, sondern daß es so wenige davon gibt.
Eine der großen Stärken der gegenwärtig noch favorisierten Individualintelligenz ist die enorme Varianz: Man hat eine Menge Möglichkeit, Intelligenzen zu begegnen, die auf Basis gemeinsamer Strukturen sehr anders funktionieren als man selbst.
Everyones favorite hive mind, der freie Markt, erstickt aber gerade fast an seiner eigenen Monokultur. Es gibt einfach keine Entität auf Augenhöhe mehr für ihn. Und auch die minderen Hives sind viel zu wenige oder zu anders, um nicht stumpfsinnig zu werden an ihrer eigenen Organisation, mit der Zeit.

(3) Die Begeisterung des Neurons für das Gehirn ist mir unverständlich, um mal in der Metapher zu bleiben. Natürlich sind hives interessant, wenn man über Intelligenz nachdenkt. Aber als Individuum stehe ich dem Hivewesen erst einmal skeptisch gegenüber. Während ich die kollektive Leistung von Scientology beeindruckend finde und die Schwarmlinge mir sagen, daß es ganz toll ist im Schwarm, würde ich mit dem Beitreten doch lieber noch etwas warten, die Thetanen lassen, wo sie sind und lieber in Bargfeld allein ein Haus mieten und durch die Heide spazieren. (Meine Neuronen oder Gene sehen das vielleicht anders, aber, wie Pinker so schön sagt, if they don't like it, they can go jump in the lake.)

gruber - 18. Jun, 17:40

Autorenschaft

(2) Bezogen auf den Wissensaustausch spielt Autorenschaft drei Rollen:
- sie dient als Zuverlässigkeitsannotation (eine Quelle wird identifizierbar und erwirbt eine Reputation)
- sie identifiziert das soziale Konstrukt der Persönlichkeit des Autors. Für die anderen Diskursteilnehmer wird der Autor als eine Menge von Interaktionsdispositionen, gewissermaßen sein individuell ausgeprägtes Interface, erfaßbar, und gleichzeitig wird die Interaktion mit dem konkreten Autor zu einem (appetitiven oder aversiven) Kommunikationsziel
- sie dient als Label, unter der individuelle Teilnehmer aufgrund ihres Beitrags Anrecht auf Teilnahme am meritokratischen System erwerben.

Es scheint nicht klar, wie man ohne diese Rollen auskommen soll. Es ist aber auch nicht ausgemacht, daß die Teilnahme am Hivemind der Autorenschaft entkleidet sein muß.

(3) Deine Aktivität in der Blogosphäre ist möglicherweise auch mit schwarmgeistiger Tätigkeit vergleichbar, oder?

PS: Kann man den Finanzmarkt wirklich als Hivemind beschreiben? Schwarm findet sich da, aber Geist? Ist der Finanzmarkt tatsächlich mehr als eine Menge von Mediationsinstrumenten, produziert er etwas, das sich als das Produkt von geistiger Tätigkeit angemessen beschreiben ließe?
spalanzani (Gast) - 19. Jun, 01:05

Im Produktionsprozess will man die Drohnen natürlich adressierbar halten, insofern hast Du Recht, man braucht eine Art Autorschaft. Das Kollektivprodukt kann aber schon per Definition keinen anderen Urheber haben als den Hive.

Insofern ist eine Abteilung bei Disney oder ein hinreichend großes Softwareteam sicher mehr hive als Wikipedia. (Was wirklich einen Teil ihres Charmes ausmacht.)

Was die Weblogs angeht, sagen wir so: Ich hoffe nicht. Natürlich ist die Blogosphäre ein Zeichenprozessor wie jeder kulturelle Raum, aber die typischen Hive-Eigenschaften fehlen: Mächtige Ordnungsprinzipien, die den Individuen Aufgaben zuweisen, Kollektivziele, gemeinsame Ergebnisse. Niemand zieht auch nur an einem Strang und wo es doch passiert, halte ich mich einigermaßen raus, so gut es geht.
Man will nichts voneinander, nicht einmal Konsens, aber man schaut sich beim Denken über die Schultern. Es ist also eher ein Anti-Kollektiv. Ein Schweifen-und-sich-Streifen freier Einzelgeister. Sehr altmodisch eigentlich.

Und schließlich: Der Kapitalismus. Gibt es einen Geist des Geldes? Keine beantwortbare Frage, aber aber ich finde die Perspektive, daß es ihn gibt, von jeher ausgezeichnet interessant. Er produziert Ordnung (in sozialistischen Gesellschaften muß man die bürokratisch herstellen). Er rekrutiert uns gerade in die entstehenden Marktlücken. Er ist ziemlich clever.
gruber - 19. Jun, 10:43

Ziele

Die individuellen Ziele der Autoren müssen sich nicht mit den emergenten Zielen des Hive-Minds decken, ebensowenig wie die Resultate. Das ist auch heute schon in großen Organisationen, z.B. Krankenhäuser, Armeen, Universitäten so: der Mann, der in der Krankenhausküche den Abwasch macht und die Frau, die den Einkauf von Putzmitteln organisiert, haben diesbezüglich kein Leutegesundmachinteresse. In meinen Beispiel gibt es natürlich Teilnehmer, die sich explizit die Organisationsziele zu eigen machen, aber die Mehrheit verfolgt schlicht ihre individuellen Ziele, tut ihre individuellen Dinge, erhält ihren individuellen Reward und behält eine gänzlich lokale Perspektive. Wenn man dieses Prinzip skaliert, dann geht es offenbar darum, die Erreichung der Meta-Ziele strukturell zu verankern, während jedes Individuum ein Interface erhält, das seine persönlichen Ziele realisiert.

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