Jostein Gaarder entzieht Israel seine Anerkennung

Der norwegische Autor Jostein Gaarder, berühmt für sein eher schlichtes Philosophiepotpourri "Sophies Welt", hat am 5. August unter dem Titel Gottes auserwähltes Volk eine Prophezeiung gegen Israel getätigt, die, obwohl literarisch formuliert, in dieser Form in Deutschland wenig Chancen auf Erstveröffentlichung hätte: Gaarder spricht dem Staat Israel darin das Recht auf Anerkennung ab. Im Duktus des Propheten Amos sagt er den Zerfall der israelischen Staatsstrukturen voraus und bittet um Gnade für die Flüchtlinge - eine Prophezeiung, die der des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu gleichen scheint: "Dieses Regime (...) muss von den Seiten der Geschichte verschwinden" (was üblicherweise falsch übersetzt wird mit "Israel muss von der Landkarte getilgt werden).

Gaarder hat also in ein Wespennest gestochen, die Reaktionen waren erwartungsgemäß heftig. In einem offenen Brief an die Norweger schreibt Shimon Samuels vom Simon-Wiesenthal-Zentrum: "Gaarder geht weiter als jeder zeitgenössische Antisemit ... Gaadger seht sich danach, das Licht der jüdischen Souveränität auszulöschen und den ewig wandernden Juden erneut der europäischen Duldung zu überlassen - diesmal mit 'Milch und Honig' auf dem Todesmarsch".
Nach drei Tagen teilte Gaarder mit, um seine Sicherheit besorgt zu sein und sich nun aus der Debatte zurückzuziehen. Andererseits erhielt Gaarder, der den Text vor der Veröffentlichung mit Nahostexperten durchgegangen war, auch sehr viel Unterstützung von Juden, die sich nicht mit dem kriegführenden Israel identifizieren. Seine scharfe Kritikerin Mona Levin ("das Schlimmste, was ich seit Mein Kampf gelesen habe") traf er und überzeugte sie, kein Antisemit zu sein. Was also sind Gaarders Argumente?

Mädchen von Kiryat Shmona beschreiben Geschosse, die für den Beschuß des Libanon bestimmt sindIsraelische Mädchen beschriften Geschosse, die für den Beschuss des Libanon bestimmt sind. (Photo: AFP)

Zunächst: Natürlich verneigt sich Gaarder vor den Opfern der Verbrechen des Holocaust und der Judenverfolgung, und trotz seiner Radikalität durchsetzt Gaarder seinen Text mit den selbstverständlichen Verurteilungen von Terrorangriffen auf Zivilisten (durch Hisbollah), aber - fügt im gleichen Satz israelischen Staats-Terror hinzu. Er verurteilt die Entführung von Soldaten durch Hisbollah und Hamas, aber - er stellt ihr sofort die Entführung palästinensischer Abgeordneter und Minister gegenüber.
Vor allem jedoch: Er anerkennt das völkerrechtlich bestätigte Israel von 1948, aber - nicht das, was seitdem (aus seiner Sicht) daraus geworden ist, das Israel der Annexionen, das Israel, das der UN-Resolutionen und der Beschlüsse des Internationalen Gerichtshofs spottet, und das deshalb auch nicht hinter UN-Resolutionen Schutz zu suchen hätte. Er identifiziert den Staat Israel mit jenem radikalen religiös oder rassistisch fundierten Zionismus, der als rechter Mainstream die Regierung stellt, den Ausbau von Siedlungen vorantreibt und erbarmungslos Krieg führt. Diese Identifikation ist vermutlich die problematischste im Text. Ist es legitim, die radikalen religiösen und rassistischen Bevölkerungsteile Israels mit Israel zu identifizieren? Ist es illegitim, wenn doch diese Bevölkerungsteile die Politik des Staates Israel wesentlich zu bestimmen scheinen? Oder legitimieren gerade die jüdische und israelische Geschichte einen militanten Zionismus, der zur ethnischen und politischen Neuordnung des Nahen Ostens um der Existenz des jüdischen Staates willen gezwungen ist?

Ich glaube, dass Gaarder kein Antisemit ist, aber dem Zionismus kritisch gegenübersteht. (Allerdings gibt es auch Publizisten wie H.M. Broder, die Antizionismus für in jedem Fall antisemitisch halten und daraus dann sogar die absurd anmutende Konstruktion des antisemitischen Juden ableiten, um jüdische Antizionisten zu delegitimieren.) Die Anerkennung des Existenzrechts Israels gehört jedoch in Deutschland aus guten Gründen zur Staatsraison (Google findet im deutschen Internet übrigens 83.300 mal die Formulierung "Existenzrecht Israels", nur 76 mal wird das das "Existenzrecht Palästinas" erwähnt) und diese Anerkennung wird in der Regel als bedingungslos verstanden. Gaarder knüpft nun Bedingungen daran: die Unterordnung unter das Völkerrecht, die Wahrung moralischer, humanistischer Ansprüche in der Kriegsführung und im Umgang mit der arabischen Bevölkerung. Er vergleicht Israel mit Südafrika und macht klar, dass er mit Israel nicht das Land, sondern die staatliche Struktur meint - andererseits illustriert er auch, dass ein Zusammenbrechen des bestehenden Staates wohl einen teilweisen oder völligen Verlust des Staatsgebietes nach sich ziehen würde. (Tatsächlich präzisiert Gaarder anderenorts, dass er selbst mit dem Text auf literarische Weise die Intention der Mahnung verbindet und persönlich nicht das Existenzrecht Israels in Frage stellt.) Könnte/sollte ein solcher Text wie Gaarders Prophezeiung und literarische Lossagung von Israel, dem Staat, dem Regime, auf Deutsch publiziert und als Mahnung verstanden werden? Wiegt die Gefahr, dass sie in den Dienst von Antisemitismus gestellt oder schlicht mißverstanden wird, ihren Wert als Beitrag zur Diskussion des Nahostkonflikts auf? Einen Beitrag, der sich jene unmodische Position zu eigen macht, die in Europa nach dem Krieg unter dem Eindruck der Bombennächte verbreitet war, aber nun in Vergessenheit geraten ist: den Humanismus? Ich glaube, dass das der Fall ist.

Ich füge hier eine deutsche Fassung an, die ich nach der englischen Übersetzung des Simon-Wiesenthal-Zentrums angefertigt habe (diese Fassung stimmte stark mit einer unabhängigen Übersetzung von Sirocco überein, an den abweichenden Stellen habe ich trotz Unkenntnis des Norwegischen das Original konsultiert). Ich hoffe, auch angesichts des sensiblen Themas, nicht zu viele Fehler hinzugefügt zu haben.


Gottes auserwähltes Volk
Jostein Gaarder, Aftenposten 05.08.06

Aus dem Englischen übersetzt nach einer Übersetzung aus dem Norwegischen des Simon-Wiesenthal-Zentrums
http://norskisraelsenter.no/engl/antis/2006-08-08-swc-gaarder.php#garder-artic


Es gibt keine Umkehr. Es ist an der Zeit, eine neue Lektion zu lernen: Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an. Wir konnten das südafrikanische Apartheid-Regime nicht anerkennen, und ebenso wenig das afghanische Taliban-Regime. Und es gab viele, die Saddam Husseins Irak oder die ethnischen Säuberungen der Serben nicht anerkannten. Wir müssen uns nun an den Gedanken gewöhnen: der Staat Israel in seiner jetzigen Form ist Geschichte.
Wir glauben nicht an die Idee eines von Gott auserwählten Volkes. Wir lachen über die Hirngespinste dieses Volkes und weinen über seine Untaten. Als Gottes auserwähltes Volk zu handeln ist nicht nur dumm und arrogant, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir nennen es Rassismus.

Grenzen der Toleranz

Es gibt Grenzen unserer Geduld, und es gibt Grenzen unserer Toleranz. Wir glauben nicht an himmlische Versprechen als Rechtfertigungen für Besatzung und Apartheid. Wir haben das Mittelalter hinter uns gelassen. Wir lachen unbehaglich über jene, die noch immer glauben, dass der Gott der Flora, Fauna und Galaxien ein einzelnes Volk vor den anderen als sein Liebstes auserwählt und ihm lustige Steintafeln, brennende Büsche und eine Lizenz zum Töten überreicht hat.
Wir nennen Kindermörder ‘Kindermörder’ und werden niemals akzeptieren, dass diese ein gottgegebenes oder historisches Mandat besitzen sollen, das ihre Schandtaten rechtfertigt. Wir sagen nur dieses: Schande über alle Apartheid, Schande über Ethnische Säuberungen, Schande über jeden Terroranschlag auf Zivilisten, ob er nun von Hamas, Hisbollah oder dem Staat Israel verübt wird!

Skrupellose Kriegführung

Wir anerkennen Europas tiefe Verantwortung für das Leid der Juden und nehmen sie auf uns, für die schändliche Verfolgung, die Pogrome, und den Holocaust. Es war eine historische und moralische Notwendigkeit für die Juden, ihre eigene Heimat zu erhalten. Der Staat Israel hat jedoch, mit seiner skrupellosen Kriegführung und seinen abscheulichen Waffen, seine eigene Legitimität massakriert. Er hat internationales Recht, internationale Konventionen und unzählige UN-Resolutionen zum Gespött gemacht, und kann nicht länger Schutz von diesen erwarten. Er hat die Anerkennung der Welt mit einem Bombenteppich belegt. Aber fürchtet Euch nicht! Die Zeit der Not wird bald vorüber sein. Der Staat Israel hat sein Soweto gesehen. Wir sind nun am Scheideweg. Es gibt keine Umkehr. Der Staat Israel hat die Anerkennung der Welt vergewaltigt und wird keinen Frieden haben, bis er seine Waffen nicht niederlegt.

Ohne Verteidigung, ohne Haut

Mögen Geist und Wort die Apartheid-Wände Israels hinwegfegen. Der Staat Israel existiert nicht. Er ist nun ohne Verteidigung, ohne Haut. Möge die Welt deshalb Erbarmen mit der Zivilbevölkerung haben. Denn es ist nicht die Zivilbevölkerung, der unsere Untergangsprophezeiung gilt.
Wir wünschen dem Volk von Israel Gutes, nichts als Gutes, aber wir behalten uns das Recht vor, keine Jaffa-Orangen zu essen, so lang sie faulig schmecken und giftig sind. Es war erträglich, einige Jahre ohne die blauen Trauben der Apartheid zu leben.

Sie feiern ihre Triumphe

Wir glauben nicht, dass Israel vierzig getötete libanesische Kinder mehr beklagt als vierzig Jahre in der Wüste, vor dreitausend Jahren. Wir bemerken, dass viele Israelis solche Triumphe so feiern wie sie einst die Plagen des Herrn als „angemessene Strafe“ für das Volk Ägyptens bejubelten. (In dieser Geschichte erscheint der Herr, Gott von Israel, als unersättlicher Sadist.) Wir fragen, ob die meisten Israelis glauben, dass ein israelisches Leben mehr wert ist als vierzig palästinensische oder libanesische Leben.
Denn wir haben Bilder gesehen, auf denen kleine israelische Mädchen hasserfüllte Grüße auf jene Bomben schreiben, die auf die Zivilbevölkerung von Libanon und Palästina abgeworfen werden. Kleine israelische Mädchen sind nicht niedlich, wenn sie vor Freude strahlen über Tod und Qual hinter den Fronten.

Vergeltung von Blutrache

Wir anerkennen nicht die Rhetorik des Staates Israel. Wir anerkennen nicht die Spirale der Vergeltung der Blutrache von „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Wir anerkennen nicht das Prinzip von einem oder tausend arabischen Augen für ein israelisches Auge. Wir anerkennen keine Kollektivbestrafung oder Bevölkerungsschlankheitskuren als politische Waffen. Zweitausend Jahre sind vergangen, seit ein jüdischer Rabbi die altertümliche Doktrin des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ kritisiert hat.
Er sagte: „Tu an anderen, wie du wolltest, dass sie an dir tun.“ Wir anerkennen einen Staat nicht, der auf antihumanistischen Prinzipien gegründet ist, und auf den Ruinen einer archaischen nationalistischen Kriegsreligion. Oder wie Albert Schweitzer es ausdrückte: „Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.“

Mitgefühl und Vergebung

Wir anerkennen nicht das alte Königreich Davids als ein Modell für die Karte des Mittleren Ostens im 21. Jahrhundert. Der jüdische Rabbi erklärte vor zweitausend Jahren, dass das Königreich Gottes keine kriegerische Wiederherstellung des Königreichs Davids ist, sondern dass das Königreich Gottes in und um uns ist. Das Königreich Gottes ist Mitgefühl und Vergebung.
Zweitausend Jahre sind vergangen, seit der jüdische Rabbi die alte Rhetorik des Krieges entwaffnet und humanisiert hat. Schon zu seiner Zeit waren die ersten zionistischen Terroristen am Werk.

Israel hört nicht zu

Zweitausend Jahre lang haben wir die Lektion des Humanismus einstudiert, aber Israel hört nicht zu. Es war nicht der Pharisäer, der dem Mann half, der, den Räubern zum Opfer gefallen, am Wegesrand lag. Es war der Samariter; heute würden wir sagen, ein Palästinenser. Denn zuallererst sind wir Menschen – dann erst Christen, Moslems, oder Juden. Oder, wie der jüdische Rabbi sagte: „Und wenn du nur deine Brüder grüßt, was tust du mehr als andere?“ Wir akzeptieren nicht die Entführung von Soldaten. Aber ebenso akzeptieren wir nicht die Deportation ganzer Bevölkerungen oder Entführung legal gewählter Parlamentarier und Minister.
Wir anerkennen den Staat Israel von 1948, aber nicht den von 1967. Es ist der Staat Israel, der den dem internationalem Recht entsprechenden Staat Israel von 1948 nicht anerkennt, respektiert und sich auf ihn bezieht. Israel will mehr; mehr Wasser und mehr Dörfer. Um das zu erreichen gibt es jene, die, mit Gottes Hilfe, eine Endlösung des palästinensischen Problems wollen. Die Palästinenser haben so viele andere Länder, haben bestimmte israelische Politiker argumentiert; wir haben nur eines.

Die USA oder die Welt?

Oder wie der oberste Beschützer des Staates Israel sagt: „May God continue to bless America.“ Ein kleines Kind bemerkte das. Sie drehte sich zu ihrer Mutter um und sagte: „Warum hört der Präsident seine Reden immer mit ‘God bless America’ auf? Warum sagt er nicht ‘God bless the world’?“
Dann gab es einen norwegischen Poeten, der diesen kindlichen Seufzer aus seinem Herzen entließ: „Warum nur schreitet die Menschlichkeit so langsam voran?“ Es war er, der so wundervoll über den Juden und die Jüdin schrieb. Aber er lehnte die Idee von Gottes auserwähltem Volk ab. Er selbst zog es vor, sich einen Mohammedaner zu nennen.

Gelassenheit und Gnade

Wir anerkennen nicht den Staat Israel. Nicht heute, nicht im Moment, da wir dieses schreiben, nicht in der Stunde von Trauer und Zorn. Wenn die gesamte israelische Nation ihrem eigenen Handeln erliegen sollte und Teile der Bevölkerung aus den besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen, dann sagen wir: Mögen die Umgebenden gelassen bleiben und ihnen Gnade erweisen. Es ist ein ewiges Verbrechen ohne mildernde Umstände, die Hand an Flüchtlinge und staatenlose Völker zu legen.
Frieden und freies Geleit für die ausziehende Zivilbevölkerung, die nicht länger von einem Staat geschützt wird. Feuert nicht auf die Flüchtlinge! Zielt nicht auf sie! Sie sind verwundbar wir Schnecken ohne Haus, verwundbar wie langsame Karavanen palästinensischer und libanesischer Flüchtlinge, schutzlos wie Frauen und Kinder und Alte in Kana, Gaza, Sabra und Shatilla. Gebt den israelischen Flüchtlingen Obdach, gebt ihnen Milch und Honig!
Lasst nicht ein israelisches Kind mit seinem Leben büßen. Viel zu viele Kinder und Zivilisten wurden schon ermordet.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

Lebensfunktionen

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Novel Dewasa | Cerita...
very interesting article and contain useful information....
novelhot - 28. Jan, 01:26
Very nice blog, it contains...
Very nice blog, it contains lot of informations. Articles...
Cerita Sex (Gast) - 13. Okt, 21:32
Kisah Sex Nyata | Cerita...
Cerita Dewasa, Cerita Sex, Cerita Mesum, Cerita Bokep,...
Cerita Dewasa (Gast) - 13. Okt, 21:28
Prediksi Togel | Bocoran...
Prediksi Togel Hari Ini | Keluaran Angka Jitu | Ramalan...
Togel Hari Ini (Gast) - 13. Okt, 21:23
Ich muss mich gaarder...
Ich muss mich gaarder anschließen in allem. tja... Die...
tzso (Gast) - 11. Aug, 15:14

Suche

 

Ping

Online seit 4180 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:26
iao