Thomas Rothschild über Grass und den Nahostkonflikt

Die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers sei auf einen Beitrag von Thomas Rothschild im Freitag gerichtet, in dem er einerseits über Doppelmoral bei der Verurteilung/Absolutionserteilung für Günter Grass klagt (und ihn mit Kurt Waldheim vergleicht - nur, der ist eben nicht aufgrund seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Faschismus zum Antifaschisten geworden; und wir erinnern uns: der Waldheimskandal bestand nicht darin, dass er in seiner Autobiographie verschüttete Wahrheiten aufgedeckt, sondern dass er darin gelogen hatte). Andererseits schreibt er zum Nahostkonflikt (und das finde ich sehr spannend):

Man kann erwarten, dass ein Demokrat Schandtaten seines Staates, seines Volkes verurteilt, dass er Widerstand dagegen leistet. Oder man kann die Überzeugung teilen, dass es gilt - right or wrong, it´s my country - seine patriotische Pflicht zu erfüllen. (...)

Und es gefiele mir, wenn die Juden auf Grund ihrer leidvollen historischen Erfahrung klüger und menschlicher wären als die übrigen Menschen, wenn sie frei wären von jeglicher Anfälligkeit für Nationalismus und Chauvinismus und unnachsichtig gegenüber Verbrechen des Kollektivs, dem sie, nolens volens, selbst angehören.

Aber die Welt ist nicht eingerichtet, um mir zu gefallen.


Ist Rothschild also ein jüdischer Antisemit, um diese unsägliche Argumentationsfigur zu bemühen? Er sagt:

Man kann sagen, antizionistische Juden seien jüdische Antisemiten, Kronzeugen der Israelfeinde, motiviert von "jüdischem Selbsthass", sie seien Verräter, wie es jene Deutschen und Österreicher waren, die Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten, aus der Wehrmacht desertierten oder gar in den Armeen der Alliierten gegen ihre Landsleute kämpften. Oder man kann sagen, dass Noam Chomsky, Uri Avnery und einige andere die Ehre und Integrität der Juden gerettet haben wie die deutschen und österreichischen Kämpfer gegen die Nazis die Ehre ihrer Völker. Allzu viele hat es hier wie dort nicht gegeben. Ob das als Argument für den "Patriotismus" und gegen die Menschlichkeit zu gelten habe, muss jeder grundsätzlich für sich entscheiden. Kants kategorischer Imperativ verliert jedenfalls, so oder so, nicht seine normative Kraft. (...)
Ich habe ein Problem, wenn ein gewisser Robert Schindel, der sich einst mit dem mittlerweile rechts außen angekommenen Günter Maschke um die Führerschaft des österreichischen Maoismus balgte, die frühere Solidarisierung mit den unterdrückten Völkern der Dritten Welt inklusive des palästinensischen zu den größten Dummheiten der Linken zählt. Ich habe ein Problem, wenn dieser Schindel keine Worte der Verteidigung für jene libanesischen Kinder findet, die ganz unmetaphorisch von "seinen Leuten" umgebracht werden, wenn er eine flächendeckende Bombardierung im Libanon damit rechtfertigt, dass das Volk dort Führer dulde, die ihre militärische Infrastruktur inmitten der Zivilbevölkerung verstecken. Für Robert Schindel wollen die Führer der Palästinenser die anderen - Israel - vernichten, "die anderen wollen bloß in sicheren Grenzen leben". Die Zahlen der Opfer auf beiden Seiten sprechen für eine andere Asymmetrie. Aber Robert Schindel plädiert gar nicht für Symmetrie. Er hat sich entschieden: für "meine Leute". (...)
Robert Schindel, (...) der, ob es sich um Grass handelt oder um Israel, stets genau weiß, was als gut und was als böse zu gelten hat, ist wieder einmal "angewidert vom Aufstand der Tugendbolde". Denn: "Wenn einmal Deutsche die Tugendwächter spielen, wird es ganz unerträglich." Und die Neger stinken? Und die Juden hauen einen übers Ohr? Oskar Maria Graf, der Ödön von Horváth die Freundschaft kündigte, als dieser um Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer ansuchte, Ossietzky, Günter Gaus, auch Walter Jens, dem Schindel den Erich-Fried-Preis verdankt, und Grass selbst - alle unerträglich? (...)

Ich für meine Person habe mich, was Israel betrifft, entschieden - für den Verrat. Für mich gilt, was keiner so treffend formuliert hat wie Arthur Schnitzler: "Ich fühle mich mit niemandem solidarisch, weil er zufällig derselben Nation, derselben Rasse, derselben Familie angehört wie ich. Es ist ausschließlich meine Sache, mit wem ich mich verwandt zu fühlen wünsche; ich anerkenne keine angeborene Verpflichtung in dieser Frage."

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